Das Geheimnis der schwarzen Steine

Es ist schon erstaunlich, was Geologen aus dem Antlitz einer Landschaft alles herauslesen können. Nämlich, dass im Langtang Himalaya in Nepal in über 7000 m Höhe ein kilometerlanger Felsgrat abgebrochen und als riesige Bergsturzmasse in die Tiefe gestürzt ist. Mit ungeheurer Wucht prallten die abgleitenden Gesteinsblöcke an den gegenüberliegenden Berg und rissen ihn auseinander. Das geschah vor 40.000 Jahren, als noch keine Menschen das Hochtal besiedelten. Der abrutschende Felsgrat hat einen neuen Berg von über 5000 Metern Höhe aufgeschüttet, den Tsergo Ri.

Ulli, meine Frau und Kameraassistentin und ich haben den Gipfel bestiegen, um uns ein Bild von dieser gewaltigen Naturkatastrophe zu machen. Gemeinsam mit Salzburger Geologen haben wir 1996 eine Filmexpedition in den Langtang Himalaya unternommen, auf der Suche nach dem letzten Beweisstück für den größten Bergsturz der Erde. Mit bis zu 300 km/h donnerte damals der zerbrochene Berg in die Tiefe. Viele Geowissenschaftler vermuteten deshalb, dass die enorme Reibungshitze der abrutschenden Gesteinsmassen das darunter liegende Gestein aufgeschmolzen haben muss. Aber eine solche glasig-geschmolzene Gleitfläche hatte lange Zeit kein Mensch jemals zu Gesicht bekommen, denn sie musste ja tief in der Erde verborgen sein.

Aber am Tsergo Ri hatte der deutsche Geologe Eckehard Preuss in den 1970er Jahren Glück. Ein tief eingeschnittenes Bachbett hat die Gleitfläche des Bergsturzes freigelegt. Und auch wir konnten die Spannung kaum ertragen, als wir den tiefen Graben aufwärts stiegen. Hundert Meter lang und wie mit dem Lineal gezogen lag das mehrere Zentimeter dicke schwarze, glasige Gesteinsband vor uns und trennte das darüber liegende Gestein des abgleitenden Berges von der zerriebenen Felsmasse darunter. Unvorstellbar welche Kräfte damals am Werk waren. Wahrscheinlich hat ein Erdbeben das Abbrechen des Berges entlang einer Schwächezone im Granitgestein ausgelöst. In weniger als einer Minute war alles vorbei. Nur der Staub hat noch lange Berge und Täler eingehüllt.

Über 200 km legte unser Filmteam mit schwerem Equipment zu Fuß im Himalaya zurück und dokumentierte - neben dem weltweit einzigartigen Bergsturzereignis in Langtang - einen einfühlsamen und intimen Einblick in das archaische und oft gefahrvolle Leben des Bergvolkes, das sich seit vielen Jahrhunderten kaum geändert hat. Als wir einmal einen Fluss überqueren mussten, sagte einer unserer Träger überrascht: „Bridge was there, now is not“. Es half nichts, Schuhe ausziehen und hinein in das eisige Wasser.

In die freundlichen und lachenden Gesichter dieser Menschen zu blicken, die trotz der Härte des Lebens so viel Freude, Ausgeglichenheit und Glück ausstrahlen, war auch für uns ansteckend. Gibt es etwas Schöneres, als inmitten der wilden Natur des höchsten Gebirges der Welt unterwegs zu sein?

© Franz Herzog