Die Riesenwelle

Die Passagiere der Bremen reden erst ein Jahr nach der Katastrophe. So tief sitzt ihnen der Schock in den Knochen. „Nur nicht mit dem Schiff quer zu den Wellen“, sagt Kapitän Heinz Aye, „das ist das oberste Prinzip bei der Navigation“. Doch nach dem verheerenden Seeschlag bei Südgeorgien stehen die Motoren still und wir treiben zwei Stunden quer zu den Wellen, im Orkan bei 200 Stundenkilometer Windgeschwindigkeit und 20 bis 30 Meter hohen Wellen. Das Schiff neigt sich bis zu 45 Grad hin und her, wie eine Nussschale in der tobenden See. Eine weitere Welle dieser Größe könnte uns umwerfen und verschlucken.

Wie sagte doch der Kapitän: „Nur Verrückte fahren in diesem Teil der Welt".

Donnerstag, 22. Februar 2001.

Windstärke 13, einige Böen mit 14. Wir müssen uns im Bett festhalten, um nicht herausgeschleudert zu werden. Das Schiff rollt von einer Seite auf die andere.

Im nächsten Moment gibt es einen gewaltigen Schlag, der das ganze Schiff erzittern lässt. Das Signalhorn heult auf, es riecht nach verbrannten Kabeln und das Schiff legt sich ohne Motor und Steuerung quer gegen die anrollenden Brecher. Chaos an Bord und Angst. Eine sich urplötzlich aufschaukelnde Monsterwelle von 35 Meter Höhe donnerte mit solcher Gewalt auf das Schiff, dass dicke Panzertüren verbogen und das Brückenfenster zertrümmert wird. Die hereinstürzenden Wassermassen reißen den Kapitän und seine Offiziere mit und zerstören sämtliche Navigationsgeräte. Das Schiff ist ohne Strom und die Motoren stehen still. Geschockt und völlig durchnässt kommt der Kapitän den Gang herunter und lässt uns im Bordrestaurant versammeln – ohne Schwimmwesten. In der Küche hören wir das Scheppern des zerbrechenden Porzellans. Wohl allen kommt die „Titanic“ in den Sinn, und das Schiff legt sich bis an die Grenze des Erträglichen auf die Seite. Weitere Brecher stürzen auf die Fenster des Restaurants. Wenn sie zerbersten, ist alles aus.

Der Kapitän hat zwar SOS gefunkt, aber bei diesem Seegang ist an ein Umsteigen auf ein anderes Schiff oder ein Hinunterlassen von Rettungsbooten oder Rettungsinseln nicht zu denken.

Todesangst und ein Funken Hoffnung auf ein Wunder schießen mir durch den Kopf. „Nur noch einmal davonkommen“, denke ich. Neben mir holt eine Frau den Rosenkranz heraus, um zu beten. Niemand weiß, was oder wer uns jetzt noch helfen könnte. Ich fühle mich völlig ausgeliefert, sehe uns schon in den kochenden Fluten versinken. Dann habe ich plötzlich das starke Gefühl, dass wir es schaffen könnten.

Nach 2 Stunden lähmender Ungewissheit hören wir das so sehnlich erhoffte Stampfen des Motors. Verhaltener Jubel geht durch den Raum. Der Bordingenieur und seine Mechaniker schaffen inzwischen das schier Unmögliche. Sie können im Toben der Wellengebirge den für eine Reparatur zerlegten Hilfsdiesel wieder zusammenbauen und mit seiner Hilfe den Hauptmotor starten. Das Schiff dreht sich wieder in den Wind. Wir sind gerettet.

© Franz Herzog