Safari

Die wichtigste Regel im afrikanischen Busch lautet, den offenen Geländewagen nicht zu verlassen. Doch als wir im Sand steckenbleiben und kein anderes Fahrzeug uns abschleppen könnte, gibt es keine Alternative. Alle raus und mit voller Kraft anschieben, um den Wagen wieder flott zu bekommen. Die Löwin im nahen Gebüsch liegt mit angespannten Muskeln im hohen Gras, so als ob sie sich einen Angriff noch überlegte.

Während der Fahrt durch die Savanne erlebe ich ein unbeschreibliches Hochgefühl, Elefantenherden aus nächster Nähe, tausende Gnus auf ihrer Wanderung von der Massai Mara in die Serengeti, Löwen, Zebras, Büffel, Giraffen, Impalas, Kuhantilopen, sogar die selten gewordenen Nashörner, Wildhunde, Hyänen, Warzenschweine, aber heute noch keine Leoparden oder Geparden. Die schiere Masse und Vielfalt an exotischen, aber auch gefährlichen Tierarten können wir als Europäer kaum fassen. Bei uns hört man schon einen Aufschrei, wenn ein Wolf, Bär oder Luchs in unserem Wald herumstreift.

Im Amboseli Nationalpark am Fuß des Kilimanjaro bleiben wir einmal im Morast stecken. Es wird Nacht und kein anderes Fahrzeug kann zu uns durchkommen. Um meine Mitreisenden bei Laune zu halten, ziehe ich eine Flasche Sekt aus dem Rucksack. Doch die Situation verschärft sich, als die ersten auf die Toilette müssen. Aus der Not heraus hocken sich die Damen im Scheinwerferlicht des Autos hin und hoffen, dass kein Löwe in der Nähe lauert.

Sollen wir die Nacht im Bus verbringen? Auch der Fahrer hat Angst, nachts das Auto zu verlassen und bleibt zurück. Wir entschließen uns, einen halben Kilometer in der Dunkelheit durch den Busch zu marschieren bis zum Fahrzeug, das uns vom Lager entgegen kommt. Ein höchst unangenehmes Gefühl, so als ob uns jederzeit von hinten ein Löwe anspringen könnte. Meine Nackenhaare sträuben sich.

Im Camp grillen wir am Lagerfeuer. Kaum im Zelt hören wir draußen das Krachen der Knochenreste, die die Hyänen zerbeißen. In der Ferne das unheimliche Brüllen eines männlichen Löwen. In dieser Nacht hofft jeder, nicht vors Zelt zu müssen.

Nach dem Game Drive am nächsten Morgen finden wir das Lager in einem fürchterlichen Zustand. Die Zelte geöffnet und verwüstet, Taschen ausgeleert, Medikamente am Boden verstreut. Chaos pur. Es herrscht blankes Entsetzen. Offensichtlich hat ein Trupp Paviane das Lager überfallen. Bei unserem Zelt klemmte der Reißverschluss und so haben die Übeltäter die Rückseite aufgerissen und ein fürchterliches Durcheinander angerichtet. Geöffnete Filmdosen liegen im Sand, auf Matten und Schlafsäcke haben sie gepisst und alles verstunken. Manche haben auch die Antibabypille gekostet. Die Leute sind außer sich vor Empörung, andere nehmen es gelassener. Letztlich nützt es nichts, wir retten was zu retten ist, waschen die Innenschlafsäcke und die ganze Pisse ab.

Ich erinnere mich, dass die Paviane schon gestern um unser Lager geschlichen sind. Wir hätten besser Wachen aufstellen sollen.

© Franz Herzog