Stromboli

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Es war zu Ostern 1989, als ich mit meinen Söhnen Ingo (9) und Arno (7) auf dem Gipfel des Vulkans Stromboli biwakierte. Der Wind trieb uns giftige Schwefeldämpfe in die Nase und wir hörten die heftigen Ausbrüche des Vulkans bedrohlich vom Schlafsack aus. Durch den dichten Nebel konnten wir den glühenden Magmaregen aber nur schemenhaft durchschimmern sehen. Doch zwei Tage später hatten wir Glück und konnten die Vulkanausbrüche bis Mitternacht beobachten und fotografieren. Für mich immer wieder ein elementares Naturerlebnis, das wie kaum etwas anderes die Kräfte aus der Tiefe der Erde spürbar werden lässt.

Zwischen den Ausbrüchen haben die Buben am Boden geschlafen. Bei der nächsten Eruption habe ich sie hochgehoben und mit weit aufgerissenen Augen haben sie das Toben der Elemente miterlebt, um dann wieder müde auf den Boden zu sinken.

Als wir am nächsten Morgen im Zelt zum Frühstück die köstliche Mortadella verzehrten, erzählte ich den Buben von meinem ersten Vulkanerlebnis auf dem Stromboli, das auch mein letztes hätte sein können: Ich war gerade 16 Jahre alt und mit unserem Biologie-Professor und meinen Mitschülern aus dem Salzburger Lehrerhaus auf einer abenteuerlichen Fahrt zu den Vulkanen Süditaliens: Vesuv, Ätna und Stromboli.

Es war schon Nacht und wieder verbarg Nebel die Sicht auf die Ausbrüche des Vulkans. Ich entschloss mich also, mit ein paar Freunden vorsichtig von der anderen Seite näher heran zu gehen. Ein Hund, der auf dem Vulkan lebte, lief immer wieder laut winselnd zurück, als wollte er uns warnen. Als ich gerade über einen steinigen Abhang hinaufstieg, schlug mir plötzlich ein fauchender Schwefelwind entgegen und ich blickte völlig entsetzt in den rotglühenden Feuerschlund unmittelbar unter mir. Ich stand am Kraterrand einer zweiten Ausbruchsstelle, die wir bisher nicht bemerkt hatten.

Nichts wie zurück. Im nächsten Moment ein ohrenbetäubender Ausbruch. Wir rannten den Vulkankegel hinunter, direkt neben uns rasten die glühenden Magmamassen in den Himmel. Ich blickte noch einmal nach oben, Magmafetzen flogen weiter hoch und kehrten um. Ich rief den anderen zu, wohin wir laufen mussten.

Einer duckte sich auf den Boden und hob schützend die Hände über den Kopf. Ich gab ihm einen Fußtritt: „Willst hin sein“. Er rappelte sich auf. Wir liefen in höchster Panik weiter. Mir fiel die Taschenlampe aus der Hand, sie kollerte den Hang hinunter. Fieberhaft dachte ich, im Dunkeln wäre das fatal, holte also die Lampe, blickte noch einmal hoch. Die Lavageschoße waren schon wie ein glühender Schirm direkt über mir. Im nächsten Moment schlugen die Magmabomben rund um mich ein. Ich erlebte alles wie in Zeitlupe und plötzlich war es ruhig um mich. Überall lagen die glühenden Gesteinsbrocken, nur Meter entfernt und ich konnte es kaum glauben, dass ich noch lebte und sogar völlig unverletzt blieb. Erst jetzt realisierte ich, dass meine vier Freunde ebenfalls wie durch ein Wunder heil geblieben sind.

© Franz Herzog