Von der Beziehung des Menschen zur Natur

Schon in jungen Jahren waren es drei Themen, die mein Leben bewegten: Sport, Natur und Abenteuer. Und als ich den wunderschönen Antelope Canyon im Westen der USA mit seinen fantastischen Formen und Lichtstimmungen für mich entdeckte, wusste ich: Die Natur schafft Ur-Bilder der Kunst.

Später hatte ich die Möglichkeit als Kameramann für das Unterrichtsministerium eine Filmreihe über Natur und Ästhetik zu schaffen.

Schon der Philosoph Immanuel Kant vermutete, dass das ästhetische Bedürfnis des Menschen letztlich ein Bedürfnis nach Natur ist.

Gebirge, Gletscher, Flüsse, Wälder und Wüsten, Vulkane, Inseln und Küsten – die Naturlandschaften der Erde unterliegen einem ständigen Kreislauf des Werdens und Vergehens. Die Ästhetik in der Natur ist ein wesentliches Element von Naturerfahrung. Ästhetische Empfindungen durch die Sinne bilden dabei die Grundlage der Wahrnehmung von Wirklichkeit. Unser Gehirn wandelt diese Sinnes-Erlebnisse in Erfahrungen um, indem es ihnen Bedeutung für unser Leben verleiht. Deshalb sind Naturerfahrungen immer auch Erfahrungen mit uns selbst.

Starke Erlebnisse in der Natur kommen meist wie ein Geschenk, überraschend. Die Dinge der Natur fordern uns dann zu psychischer Aktivität auf: wir empfinden Freude, Angst, Harmonie oder Widerstand. Die Natur führt uns zu einer ständigen Interpretation von uns selbst.

Die Schönheit der Natur entsteht im Auge, besser gesagt im Kopf des Betrachters. Sigmund Freud nannte das Gefühl der innigen Verbindung mit der Natur „ozeanisch“. Auch mit Dingen wie einer Landschaft können wir ein intensives „Einheitsgefühl“ empfinden und spüren, „was es heißt, selbst Natur zu sein“. Ich glaube, das Bedürfnis nach Natur wird immer stärker, je mehr sie aus unserem Alltag verdrängt wird.

Wahrscheinlich empfinden Menschen seit jeher die Natur als schön und erhaben, auch wenn sie sich immer wieder vor ihr fürchten mussten. Die einzigartigen Höhlenmalereien legen dafür Zeugnis ab. 30.000 Jahre ist er her, dass Cromagnon-Künstler in einer Höhle der Ardeche-Schlucht in Südfrankreich die Tiere ihres Lebensraumes an die Wände gemalt haben. Höhlenbären, Löwen, Pferde und Wollnashörner, dreidimensional und künstlerisch fantastisch schön gestaltet. Schon damals müssen die Naturerfahrungen das ästhetische Empfinden dieser Menschen geprägt haben. Sinn für Natur-Schönes muss eine anthropologische Dimension sein.

Rainer Maria Rilke dichtete: “… denn da ist keine Stelle, die dich nicht ansieht, du musst dein Leben ändern.“ Naturästhetische Erfahrungen werden von den Menschen auch als das stärkste Argument für die Wertschätzung und den Schutz der Natur und Landschaft empfunden.

Vor allem Kinder brauchen für ihr Naturerleben ein hohes Maß an Freizügigkeit, um ihre Fantasien und Träume ausleben zu können. Und ich bin meinen Eltern heute noch dankbar, dass sie mir die Freiheit für das Abenteuer Natur gelassen haben.

© Franz Herzog