Sprachstände

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Sprachstände | story.one

Neulich, Vertretung in der 3a. Past progressive und past simple sei dran, wurde mir im Vorfeld durch die Kollegin mitgeteilt. Nach den ersten 10 Minuten, in denen ich auf Englisch erklärte und die Kinder sehr aktiv ihr völliges Unverständnis ausdrückten, meldete sich Gregor aus Reihe 3: "Ey, Frau Lehr'in, warum red'n Sie eigentlich so komisch - ham Sie studiert?"

Ich war nicht ganz sicher, was ich antworten sollte. Oder ob ich überhaupt reagieren sollte. Oder was ich hier gerade machte. Ganz offensichtlich hatte diese Klasse in ihren Sek 1 Jahren noch nicht wirklich das Konzept der Zeiten - weder in der deutschen noch in der englischen Sprache und vermutlich auch nicht in ihren pluralen Muttersprachen- verstanden. Wo sollte ich denn da jetzt anfangen?

Ein abrupt in die Höhe gerissener Finger unterbricht meine Gedanken: "Ich muss dringend auf's Klo. Ich hab voll Durchfall!" Den Schüler als Drückeberger identifizierend lasse ich ihn und dann gleich die ganze Klasse den Satz in schönstem Oxford-Englisch nachsprechen. Im Präsens und dann in der Vergangenheit. Und zur Sicherheit auch noch im Konjunktiv irrealis, also was passieren würde, wenn ich die Toilette nicht rechtzeitig erreichte und so.

Wir sollten im Anschluss noch die Hausaufgaben besprechen, so der Auftrag. Das Hauptproblem waren hier jedoch nicht die progressiven Zeiten sonder eher die konservierten:

- While the wife was cooking the dinner, the husband returned from work.

- The settlers were walking up the river, when the Indians attacked them.

- The eskimo were hunting seals, when they saw the polar bear.

- The gypsies were dancing, when the fire suddenly started.

Dies konnte ich so natürlich nicht stehen lassen und korrigierte die Aufgaben nicht nur grammatisch sondern schrieb sie auch noch ins weniger Menschenverachtende um. Die SchülerInnen waren zufrieden -obgleich sie es nicht notwendigerweise als verändert wahrnahmen.

Musste ich mich tatsächlich in einem schulischen Lernumfeld als akademisch-unangepasst outen lassen, wenn ich keine diskriminierenden Elemente in meine Sprache einfließen ließ?

In der Pause ging ich an der geöffneten Tür des Lehrerzimmers vorbei. Gerade erzählte Kollegin Müller, dass: "...die Meier sich wegen dem Neger und der Asozialen in der 4b den Finger gebrochen habe!" Gemeint war eine Unstimmigkeit am Vortag, bei der eine intervenierende Lehrkraft einen kollateral Schaden erlitt.

Und wieder fragte ich mich, was ich hier eigentlich tue und wo man jetzt noch beginnen möge. Wenn die Schüler und Schülerinnen uns nicht bewerten und überprüfen dürfen - wer macht es denn dann ?

© fraufranziska 24.11.2019