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Die Menschenfischer

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Die Menschenfischer | story.one

Abfahrt nächster Bus: 16:00 Uhr.

Notiz an mich: immer den Rückfahrplan des Buses beachten bevor man irgendwo hinfährt. Gut, jetzt bin ich hier in diesem kleinen Dorf bei brütender Mittagshitze gestrandet und darf noch länger bleiben als gewünscht. Anscheinend ergeht es mehreren Abenteuern so wie mir. Ich trage einen modischen türkisen Turban und eine coole Sonnenbrille im Krankenkasse-Stil um mich vor der prallen Sonne zu schützen. Durst hätte ich auch schon, aber ich möchte die paar hundert Meter zum kleinen Geschäft um die Straßenkurve nicht laufen weil es sein könnte dass doch ungeplant der Bus vorbei kommen könnte. Rechts und links von mir warten gelangweilte und genervte Gesichter mit dem selben Problem. Plötzlich bleibt ein weißer Minibus vor uns stehen, der Lenker ruft „Sliema, Sliema. There is no other bus to Sliema the next time. Private!“. Jeder vernünftige Mensch winkt in solchen Momenten ab...und was tue ich? Ohne zu überlegen hebe ich den Arm und schwups sitze ich schon im Bus.

Dieser Minibus ist eindeutig kein öffentliches Verkehrsmittel. Ich blicke mich um und begutachte die restlichen Pasagiere. Alles Männer verschiedener Altersklassen. Der Busfahrer wirkt wenig vertrauenswürdig, optisch wie der größte Prolet aus der Latinoszene. „Das war jetzt vielleicht doch nicht so eine gute Idee“, denke ich mir. Schreckliche Szenarien und Zeitungsartikel schwirren bereits vor meinem fantasiereichem Auge: *Vermisst. Alleinreisende Frau im Urlaub verschwunden*.

Ein älterer weißbärtiger Mann, dem Heiligen Nikolaus größter Konkurrent, liest mir vermutlich mein Unbehagen ab, er beginnt eine Unterhaltung.

Sein Name sei Hans aus Deutschland und so wie jeder hier, aktives Mitglied der Mission Sea-Eye. Ihr Ziel sei es, in Seenot geratene Schiffe zwischen Malta und Libyen vor dem Untergang zu wahren. Sie befinden sich gerade auf dem Weg zum Quartier da ihr Schiff derzeit den Hafen nicht verlassen darf. Sie wirken alle müde und abgeschlagen, aber ihre Gesichter erzählen prägende Geschichten. Es folgt ein intensiver Austausch, ich bitte Hans um ein Erinnerungsfoto. Beim Aussteigen umarmt mich der Nikolaus, er drückt mir Flyer in die Hand und meint sie würden Freiwillige suchen.

Ich, „armer gestrandeter“ Rucksacktourist werde von der Sea-Eye Crew gerettet, für heute zumindest eine kleine gute Tat.

© FrauXYZ 11.05.2020

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