Gedankenspiel

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*Szenenwechsel*

Herzlich Willkommen in der Mobilen Pflege. Ich lade dich auf ein Gedankenspiel mit mir ein.

Dein Steckbrief: Schülerin der Gesundheits- und Krankenpflege. 20 Jahre alt. 5 Praktikas bereits absolviert.

Unsere Aufgabe: Pflege und Betreuung eines 75 jährigen Kunden, Diabetiker, adipös, bettlägrig, Übernahme medizinischer Tätigkeiten, Körperpflege und Mobilisation Querbett.

Wir steigen aus dem Auto aus, in Zeiten des SARS Covid 19 sollen wir Jacken und Taschen im Auto lassen. Bei -2 Grad Außentemperatur desinfizieren wir uns unsere Hände und legen sich eine durchsichtige Schürze an. Du fragst mich nach einer Atemschutzmaske der Klasse FFP3. Ich lache dabei auf. Ich lache nicht über dich sondern über die Situationskomik. Wer nicht getestet wird, hat kein Corona. Man sieht dir deine Unsicherheit an. FFP3 sind absolute Mangelware. Es sind alle Atemschutzmasken und Mundschutze derzeit so gut wie nicht zu erstehen. Ich besitze eine einzige und die hebe ich mir für den "richtigen" Moment auf. Ich biete dir den türkisen chirurgischen Mundschutz an, den du dankbar annimmst. Es ist mir peinlich dir den einlagigen Papiermundschutz zu zeigen, der so dünn ist, dass ich ihn nicht einmal als Klopapier verwenden würde. Das Desinfektionsmittel und die Handschuhschachtel sind dein heutiges Heiligtum. Gehe klug damit um.

Ich schicke die Gattin in die Küche damit die Personenanzahl niedrig bleibt. Laut Empfehlungen sollte man mindestens einen Meter Abstand zum Nächsten halten. Tja,.. dass ist in der Pflege irgendwie schwierig umzusetzen. Wir stehen links und rechts vom Kunden und beginnen mit der Mobilisation. Wir kommen sich alle sehr nahe, Berührungen kommen automatisch zustande. Der Kunde berührt dich an der nackten Haut deines Oberarmes und hüstelt manchmal vor sich hin. Du hältst die Luft an. Ist das jetzt ein normler Reizhusten oder ist das ein "Corona-Husten"? Wer weiß das schon. Die Pflege heute dauert über eine Stunde.

Du schwitzt nach den ganzen Tätigkeiten und der Kunde ist einfach nur müde und schläft sofort ein. Wir verabschieden sich winkend bei der Gattin und gehen. Schürze und die verbrauchten Handschuhe lassen wir da. Beim Auto angekommen nimmst du eine Desinfektionsdusche bis zum Oberarm hinauf. Deine Finger fühlen sich aufgrund der Minusgrade und des Alkohols eiskalt und steif an. Auf geht es zum nächsten Kunden.

"Kann ich einen neuen Mundschutz haben?". "Nein", ich hab fast keine mehr und ich muss solange wie möglich damit auskommen. Ich empfehle dir den Mundschutz mit nachhause zu nehmen und aufzuheben. "Im Notfall kann man ihn mit dem Bügeleisen heiß ausbügeln". Du lachst, ich nicht.

© FrauXYZ