Ordinationsgeflüster

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Ordinationsgeflüster | story.one

Ich sitze gerade dienstlich in einer Ordination und warte bis ich dran komme. Ich starre mit Absicht in mein Handy um mit niemanden reden zu müssen.

Es befinden sich Männer und Frauen gehobenen Alters im Wartezimmer. Es spricht keiner, es wird in die Luft gestarrt und es werden Zeitungen gelesen. Ein großer, älterer Herr im Jägeroutfit betritt den Raum und geht gezielt auf einen anderen zu. Sie beginnen sich zu unterhalten. Meine Augen fixieren weiterhin das Handy, doch die Ohren sind weit gespitzt. Ich belausche niemanden, aber sie reden so laut dass der Gesprächsinhalt nicht zum Überhören ist.

"Herst, der Gruber hat den Krebs, wird bald sterben.", äußert der pummelige Mann mit großer Knollennase. Sein Gegenüber schüttelt den Kopf, dabei verzieht er das Gesicht.

"Mei Nachbarin ist auch verstorben. Kennst eh", antwortet der Jäger.

Es werden unzählige Namen und Krankheiten aufgezählt. Wer an welcher Krankheit leide, wer mit einem halben Fuße im Grabe stehe und welcher schon im Grabe sei. Bei anderen seien sie verwundert das sie überhaupt noch leben und manche sterben sowieso zu früh. Ihrer Meinung nach sterben Männer vor ihren Frauen weil sie unbeholfener seien. Ohne einer guten Hausfrau kann ein Mann nicht lange überleben. Beide stellen fest das sie nur mehr auf Begräbnisse und Leichenschmäuse eingeladen sind. Taufen und Hochzeiten liegen schon lange zurück. "Verdammt wie recht er hat.", denke ich mir. So stelle ich mir den Klatsch und Tratsch des Alters vor.

"Bin gespannt wann es bei mir so weit ist, alle sterbens weg. Ich spüre schon wie die Schlaufe immer enger wird. Kommst dann auf mein Begräbnis wenn du noch lebst? Gibt dann sicher was gutes zum Essen, aber sauf dich bitte nicht nieder.", wirft der Jäger ein. Sie lachen dabei, es entsteht im Wartezimmer Wirtshausstimmung. Die Ordinationsassistentin winkt uns zu.

Ich muss auch schmunzeln und schaue beide an. Ich habe irgendwie das Bedürfnis und den Drang ihnen die Visitenkarte meiner Chefin zuzustecken. Nix da.

"He junge Dame, netten Rucksack hast du da! Den Spruch muss ich mir merken", Herr Knollennase steht auf und schlurft ins Behandlungszimmer.

"Ich turne bis zur Urne". Danke Bestattung Wien.

Photo by Kuma Kum on Unsplash

© FrauXYZ