Liebe loslassen

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Seit langem war Julia letzte Woche wieder einmal unterwegs. In der Nacht, wenn (vermeintlich) Anständige zu Bett gehen. Sie wollte mit ihrer Schwester nur etwas trinken, Spaß haben. Alles fing harmlos an, zwei Bier und ein Glas Wasser dazwischen. Bis Julia angesprochen wurde, als ihre Schwester gerade auf der Toilette war. Zwei nette Männer, einer der viel redete und zur Musik wippte, der andere ruhig, trotzdem interessant. Julia genoss die Aufmerksamkeit, die es bei ihr zuhause kaum mehr gab. Sie tanzte mit ihm nach nur wenigen Minuten, mochte seine nicht einmal mehr zweideutigen Blicke, seine Hände, die sie nur ordnungshalber manchmal abwehrte. Ein erster Kuss zu „1000 Mal berührt“, mitgegrölt, bereits nach - wenn überhaupt - zehn Berührungen. Er weiß, wie ihr Haar riecht und beim 1001. Mal hat es... Na egal, endlich wieder spürte Julia so etwas wie echte Liebe, aber nicht nur Julia. Er, mitten im Leben, alles eingerichtet, fast perfekt, Kinder zwar noch nicht erwachsen, nie wirklich an Entscheidungen gezweifelt. Und jetzt doch, heftig, unmittelbar. Julia fühlte das Gleiche oder gar schon Dasselbe? Eins werden nach so kurzer Zeit, beide glaubten daran, mitten in der Nacht, zusammengeführt durch den Zufall. Stunden vergingen wie im Flug. Am Ende musste eine Entscheidung getroffen werden. Routine und Langeweile? Oder doch echte Liebe? Ein Leben tauschen wegen ein paar Stunden? Seine Frau verlassen, Kinder nur mehr am Wochenende sehen, der Schritt ins Ungewisse? Er ließ seine Liebe los, verschwand in der Nacht, kein zurücklassen der Telefonnummer, dafür blieben (wieder einmal) Gedanken an eine Nacht, Lebendigkeit pur. Dieser Vorgang wiederholte sich seitdem unregelmäßig, er ging immer. Er war ich...

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