Bist du auch immer brav gewesen?

Wer von uns kennt sie nicht, diese Frage, die uns in unserer Kindheit alljährlich der weißbärtige Mann mit dem komischen Hut und dem goldenen Stock gestellt hat. Während hinter ihm knurrend und kettenrasselnd zwei bis fünf zottelige Nebenerwerbsteufel versuchten, uns Kindern Angst zu machen.

„Natürlich waren wir immer brav!“ stotterten wir dem Nikolaus entgegen. Welches, normal funktionierende Kind, würde bei diesem Anblick lügen?!

Als Belohnung gab es dann ein Säckchen vom Nikolaus. Gefüllt mit Nüssen, Äpfeln, Mandarinen und einer Tafel Milchschokolade. Gottseidank kannte man damals noch keine Nussallergie oder Laktoseintoleranz. Und Vitamine wurden uns noch in natürlicher Form und nicht als Nahrungsergänzungsmittel verabreicht. Für die ganz Braven war noch ein Paar von den selbstgestrickten Oma-Socken drin.

Hmmm… Ja… … eh schön.

Auch zu meiner Kinderzeit galt schon – „Gesundes Essen und Kleidung sind KEIN Geschenk!“

Schon gar nicht für´s ganze Jahr Bravsein! Das konnte man dem Nikolaus aber nicht ins bärtige Gesicht sagen. Dafür hätte es eine mit der Rute vom Krampus gegeben.

Als warteten wir brav mit keksgefüllten Bäuchen auf das Erscheinen der wilden Horde warteten. Alle, außer Lisi. Die hatte das Rasseln der Ketten schon beim Nachbarhaus gehört und sich wohlweislich auf dem Klo eingesperrt. Vom stillen Örtchen aus beobachtete sie, wie der heilige Mann samt Gefolge auf unser Haus zukam. Und machte eine aufregende Entdeckung. Die Krampusse hatten ihre Köpfe abgenommen! Also, genaugenommen waren sie nicht kopflos. Nein, nur ihre grauslichen Masken hatten sei nach oben geschoben, um sich genüsslich ein paar wärmende Schnäpschen dahinter zu gießen.

Als sie dann kurz darauf mit großem Gepolter in die Stube kamen, wurden sie von Lisi bereits erwartet. In ihren Augen blitzte der Triumph. Jegliche Angst und Unscheinbarkeit war von ihr gewichen. Und ich glaube, sie war in den wenigen Minuten auf dem Klo fünf Zentimeter gewachsen. Mindestens.

Beim Anblick der kleinen Wichtin in Siegespose, blieben die Krampusse abrupt stehen. Absolute Stille herrschte im Zimmer. Alle hielten den Atem an. Langsam ging Lisi auf den ersten Zottelmann zu. Mit ihrem Zeigefinger piekste sie in seine Fellwampe.

„Vor dir habe ich keine Angst!“ rief sie. „Du bist der Herr Krauskopf von nebenan!“

Dann nahm sie den zweiten ins Visier.

„Und du bist der große Bruder von der Marlies!“ schrie sie ihm ins Maskengesicht.

„Und du“, zischte sie kaum hörbar zwischen den Zähnen hervor „du bist mein Onkel Martin! Glaub´ ja nicht, dass du bei meiner nächsten Geburtstagsfeier auch nur EIN Stück von der Torte kriegst!“

Die dunklen Gesellen versuchten noch, ihre Würde mit lautem Brummen und Kettenrasseln zu wahren, doch es war zu spät. Der Bann war gebrochen. Laut jubelnd stürzten wir Kinder uns auf die Krampusse. Ihnen blieb nur mehr die Flucht. Leider nahmen sie den Nikolaus auch mit. Bevor er uns die Säckchen austeilen konnte.

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