Das wunderbare Kind, Kindermund

Es war die Zeit der Besatzung in Wien. Unsere Wohnung befand sich in der russischen Zone. In der schmalen Seitengasse gab es kaum bis keinen Verkehr, auch weil sich an ihrem unteren Ende einerseits die vatikanische Botschaft (rechtes Eck) und andererseits die russische Kommandantur (linkes Eck, wie passend!) befanden, eine recht eigenwillige Kombination.

Wir Kinder konnten auf der Strasse spielen und der diensthabende Wachpolizist des rechten Ecks war unser Freund und hatte wohl auch ein Auge auf uns. Alle Türen waren offen und die Morgengesänge der russischen Soldaten weckten mich täglich. In jenen Tagen waren arbeitende Mütter eher eine Seltenheit, sodaß man jederzeit eine Mutter "bei der Hand" hatte - alle kümmerten sich um alle.

Nun fügte es sich, daß im gegenüberliegenden Haus eine kleine Familie wohnte (die Hausbesorger), zu welcher ein Bub in etwa meinem Alter zählte. Er war lieb, aber ein wenig seltsam. Dachte er doch, er sei eine Strassenbahn. So lief er tagaus tagein im Hüpfschritt die Gehsteige entlang und imitierte das Klingeln der Tram, wobei er seine beiden Zeigefinger - sozusagen als Tonträger - in Brusthöhe an einander rieb. Das war ein eher eigenartiger Anblick, den wir allerdings nicht wahrnahmen - war er uns doch vertraut.

Eines Tages hörte ich wie meine Mutter mit einer anderen Dame über den Knaben sprach und meinte "So nette, arbeitsame Menschen, das einzige Kind - und dann schielt er nicht nur sondern ist auch noch ein bissl deppert".

Wenig später erlaubte mir die Mutter des besagten Jungen, mit ihr zum Wäscheaufgängen auf den Dachboden zu kommen . Dachboden war ein magisches Wort - einer der interessantesten Plätze überhaupt.

Nachdem ich zu Hause mein Vorhaben gemeldet und Genehmigung erhalten hatte, stiegen wir also die zahlreichen Stufen hoch. Muffiger Geruch, Halbdunkel und ein Gewirr faszinierenden Sperrmülls. Wunderbar!!! Ich wollte beweisen konversationsfähig zu sein und so erzählte ich arglos , wie sich meine Mutter über den Sprössling geäussert hatte - ohne die Wirkung meiner Worte zu ahnen.

Kaum hatte ich ausgesprochen wurde die feuchte Wäsche im Korb stehen gelassen + ich nach Hause geschickt um ihren Besuch anzukündigen. Was die beiden Frauen miteinander gesprochen haben werde ich nie erfahren doch soviel: das Verhältnis der beiden zueinander wurde nie wieder wie zuvor.

Meine Mutter wollte mit mir schimpfen, doch Vater wusste das zu verhindern. Er legte ihr nachdrücklich nahe in meiner Gegenwart darauf zu achten was sie sagte. Ich hatte nichts böses getan - lediglich wiederholt was gesprochen worden war, und dafür könne man mich nicht bestrafen.

Zwar habe ich nicht verstanden was da passierte, begriff aber daß die Wahrheit nicht immer "gut kommt". Eine Lehre für's Leben.

Unser Bub fand in der Volksschule einen aufmerksamen Lehrer der sein Potential erkannte und ihn förderte. Er bekam eine Brille, studierte und wurde Anwalt. Ob er wohl noch heute gerne Strassenbahn fährt?

© Friederike