Das wunderbare Kind, Krippenspiel

Als kleines Mädchen verfügte ich über eine klare, helle Sopranstimme. Meine sehr musikalische Mutter förderte mich und ich sang oft zu ihrer Klavier-begleitung - sehr gerne. Zudem war ich eifriges und begeistertes Mitglied des Kirchenchores, wo ich hin und wieder auch kleine Soli trällern durfte. Mami war stolz.

Das Unheil begann damit, daß ich beim weihnachtlichen Krippenspiel als Engel den Heiligen drei Königen eine gesungene Warnung überbringen sollte . "Mein" Lied war in 12Ton Musik geschrieben und sehr schwierig. Mutti hatte es mir unzählige Male am Klavier vorgespielt und so wurde mir diese Un-Melodie singbar (dachte ich). Wir hatte oftmals - auch im Festsaal - geprobt - aber niemals mit Licht. Als mein Auftritt kam ging ich auf die völlig dunkle Bühne - dann war plötzlich ohne Vorwarnung der Scheinwerfer auf mich gerichtet, und ich war BLIND. Sah den Kreidekreis nicht in den ich mich stellen sollte und erinnerte mich auch nicht daran wo diese Könige nun lagern sollten. Also sang ich irgendwohin .... und brachte meinen Text komplett durcheinander. Mitten im Lied mussten wir abbrechen - ich kam nichtmehr zurecht. Die Komponistin dieser musikalischen Zumutung begleitete mich auf dem Klavier und meinte im Bühnenflüsterton "wir beginnen einfach neu". Irgendwie schaffte ich es dann beim zweiten Anlauf und bekam - wie alle die einmal gescheitert dann doch noch ihr Ding erledigen - donnernden Applaus.

Erschöpft und glücklich stolperte ich hinter die Bühne. Dort wurde ich gelobt und getröstet - und durfte dem Ehrengast, dem päpstlichen Vertreter in Wien (Nuntius) Blumen überreichen.

Leider handelte es sich nicht um Schnittblumen sondern um einen recht voluminösen Topf mit riesigen Hortensien. Da ich dank der üppigen die Pflanze nicht sehen konnte wo ich hinging passierte es: ich stieg mir vorne auf mein bodenlanges Kleid und - patsch - lag ich flach auf dem Boden! Ein gefallener Engel!! Der Topf war zerborsten, Erde umrahmte die Szene. Die Pflanze war zerfleddert und mein Knie zerschunden. Rund um mich entwickelte sich unnatürliche Aktivität. Man wollte mich hochziehen, Fragen wie "wie ist den das passiert?" wurden mir gestellt und ich musste schrecklich weinen.

Der hohe Herr stieg von seinem Stuhl, stellte mich auf die zitternden Beinchen und redete mit sanfter Stimme auf mich ein. Langsam beruhigte ich mich. Den Rest des Abends durfte ich auf den Knien des Nuntius sitzen*), von dem ich mit Torten gefüttert wurde.

Meine Eltern haben mir später erzählt, daß dies für sie einer der schrecklichsten Momente überhaupt gewesen sei. Nicht aus Sorge um mich, sondern weil es Ihnen so furchtbar peinlich war daß ihr Kind so einen Eklat verursacht hatte.

Danach hat meine Mutti den Gedanken an eine Gesangskarriere meinerseits aufgegeben; sie meinte daß weder ihre noch meine Nerven das ausgehalten hätten. Gott sei Dank.

*)Heutzutage wäre das nicht unumstritten ....

© Friederike