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Ach, ich hab' in meinem Herzen da drinnen

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Ach, ich hab' in meinem Herzen da drinnen | story.one

Es gibt Musikstücke, die uns blitzschnell an einen anderen Ort, in eine andere Zeit entführen. Manchmal sind es traurige Erinnerungen, und dann kommen uns die Tränen, nur allein durch die Erinnerung. Meistens sind es aber nette Bilder, die im Geiste vorbei ziehen und uns lächeln und freuen lassen. Mir geht es unter anderem mit der Arie „Ach, ich hab‘ in meinem Herzen da drinnen“ aus der Oper „Der schwarze Peter“ so. Wann immer ich die ersten Takte höre – fliegen meine Gedanken weit zurück in die Vergangenheit.

Sie entführen mich sogar an zwei verschiedene Orte und in zwei verschiedene Zeiten. Zuerst sehe ich mich immer in unserem Haus in Österreich im Kinderzimmer stehen, wo ich diese Arie vor ewig langer Zeit mehrmals täglich gesungen, geträllert, gesummt habe. Voller Liebe und Freude. Die Bilder stehen so lebendig und klar vor mir, dass ich für Augenblicke geistig wieder dort bin …

Vor mir auf dem Wickeltisch, einem Möbel, ich weiß nicht mehr, wozu es ursprünglich gedacht war, das von meinem Mann zu diesem herrlich großen Wickeltisch mit einem bunten Kunstlederbezug, einem weich gepolsterten Rand, damit Baby nicht hinunter fällt, und Rollen an den Füßen umfunktioniert worden war, lag mein erster Sohn. Es war ein sehr praktischer Wickeltisch, mit viel Patz für Windeln, Cremes, Puder, eben, was man so braucht.

Nebenan gleich das Waschbecken. Und während ich ihn säuberte, wickelte, umzog, immer summte oder sang ich diese Arie. Es war „sein“ Lied. Ich hatte für jedes meiner Babys ein Lied, das ich immer sang beim Wickeln. Er strampelte und lachte und pillerte mir geradewegs ins Gesicht. Kleine Jungen können das vorzüglich! Und ich wischte mir die Pille flüchtig aus dem Gesicht, lachte, kitzelte ihn am Bäuchlein und sang ihm diese Arie „… all meine Blumen will ich dir schenken, und ich will immer an dich denken …“

Ich versinke in dieser hübschen Erinnerung und komme nur schwer zurück in die Gegenwart.

Und schließlich denke ich auch noch weiter in die Vergangenheit zurück, in ein sehr einfach-armes Leben. Ich war ungefähr 16 Jahre. Frau L., mit ihrem Sohn im selben Haus wohnend, hatte damals schon ein schickes, modernes Radio. So eines mit Tasten. Und mit UKW! Davon konnten wir mit unserem uralten Vorkriegsradio, das wir schon gebraucht geschenkt bekommen hatten und das lediglich Mittelwelle anbot, nur träumen.

Frau L. konnte damals immer das Wunschkonzert auf UKW hören, Ich durfte zu ihr gehen, um dieses Wunschkonzert anzuhören, und dabei wurde fast regelmäßig diese Arie aus dem „Schwarzen Peter“ gespielt. Wir freuten uns, denn sie liebte sie auch.

Ich war überhaupt glücklich, dass ich bei ihr zuhören durfte, nicht nur rein der Musik wegen, sondern auch, weil ich in ihren Sohn verliebt war.

Jahre später sang ich in einer anderen Welt meinem kleinen Jungen dieses Lied beim Wickeln vor …

Und auch jetzt noch, so viele Jahrzehnte später, höre ich die Arie gern, besonders, wenn sie von Rudolf Schock gesungen wird.

© Friedolina 30.06.2020

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