Geburtenkontrolle im Jahr 1898

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Geburtenkontrolle im Jahr 1898 | story.one

Hab ich schon erzählt, wie meine Oma mit 6 Jahren die Geburtenkontrolle in ihrer Familie übernahm?

Nun, die Hackls waren eine große Familie. Meine Urgroßmutter väterlicherseits gebar ihrem Mann in 40 Ehejahren insgesamt 15 Kinder. Heute unvorstellbar, damals keine Seltenheit. Meine Oma Paula war das siebte Kind. An Sonntagen nahm der Vater die kleineren Geschwister gerne oder vielleicht auch gar nicht so gerne mit zum wöchentlichen Frühschoppen ins nahe gelegene Gasthaus an der Donau. Er tat dies, um seine Frau etwas zu entlasten und ihr Gelegenheit für die ungestörte Zubereitung der Sonntagsmahlzeit zu geben.

Während der Vater also mit anderen Männern bei einem Krug Bier saß und über die Weltgeschichte bzw. einen möglicherweise bevorstehenden Krieg diskutierte, spielten seine Kinder mit anderen am Ufer der Donau. Das war relativ ungefährlich, da die große Gartenanlage des Wirtshauses eingezäunt war und es Sandkisten, Schaukeln und Klettermöglichkeiten auf Obstbäume gab. Freilaufende Hühner, schläfrige Katzen und einige gutmütige Schafe und Ziegen komplettierten den Kindertraum vom Streichelzoo. Nach gut zwei Stunden gemahnte der Vater zur Heimkehr, nicht ohne seinen Kindern vorher jedem eine Semmel spendiert zu haben. Dazu ein Kracherl, welches sich aber alle teilen mussten.

Eines Tages hörte die kleine Paula, wie ihr Vater bei der Semmelbestellung von einem anderen Mann wegen der großen Kinderschar gehänselt wurde. Sag, wie kommts, dass du so viele Kinder hast, fragte der feixend. Meiner Oma schien, dass ihr Vater ein wenig herumdruckste und dann antwortete: ich brauch meine Hose nur über die Bettkante zu hängen und schon ist meine Frau wieder in der Hoffnung.

Paula hatte genug gehört. Sie kannte ihre gute Mutter eigentlich nur mit dickem Bauch, kaum war ein Geschwister da, kündigte sich auch schon das nächste an. Paula würde dem ein für allemal ein Ende bereiten. Ab nun achtete sie sorgsam darauf, dass nur ja niemals eine der beiden Hosen des Vaters auch nur in die Nähe des Elternbettes kam. Das war nicht sehr schwer, schlief sie doch im selben Zimmer mit zwei ihrer kleineren Schwestern in der Lade eines tiefen Schubladkastens. Das war praktisch und platzsparend. Abends wurde eine Schublade nach der anderen ein Stück herausgezogen und jedes Kind bettete sich in seiner eigenen Lade. Am Morgen war schnell Ordnung gemacht, indem die Schubladen zugezogen wurden.

Die Geburtenkontrolle meiner Oma funktionierte perfekt. Nur ein Mal noch passierte ein kleines Malheur, sie hatte wohl zu wenig aufgepasst. Paula beobachte besorgt den wachsenden Bauch ihrer Mutter. Diesmal kamen Zwillinge, aber dann war endgültig Schluss. Paula behielt ihr Geheimnis für sich, sie fühlte sich verantwortlich und insgeheim auch ein bißchen mächtig.

Als sie mir viele Jahre später von ihrer Geburtenkontrolle erzählte, konnte man immer noch einen gewissen Stolz in ihrer Stimme heraushören. Vielleicht war es aber auch Schalk ....

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