Pilcher hätte daraus einen Roman gemacht

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Pilcher hätte daraus einen Roman gemacht | story.one

Mein Großvater sollte nach damaligem Brauch als jüngster von drei Söhnen den elterlichen Bauernhof erben. Daraus wurde aber nichts.

Opa Karl war von Jugend an ein talentierter Musiker, er spielte Geige wie kein zweiter und war einer jungen Bauerstochter aus dem Nachbardorf versprochen, deren Bruder dort den Hof führte. Kurz vor der Verlobung wurde Opa Karl wie so viele andere in den 1. Weltkrieg eingezogen. 3 lange Jahre hörte man nichts von ihm. Und dann stand er unverhofft vor seiner Mutter. Er war invalide und trug eine schwarze Augenbinde über dem fehlenden linken Auge.

Am nächsten Morgen sagte seine verweinte Mutter zu ihm, dass heute eine Hochzeit angesagt sei und er das Ave Maria geigen sollte. Opa machte sich auf den Weg und stieg zur Orgel empor, während sich die Kirche mit den Festgästen füllte. Braut und Bräutigam schritten feierlich unter den Geigenklängen meines Großvaters vor den Altar, als sich die Braut plötzlich umdrehte, ungläubig die Augen aufriss und in haltloses Schluchzen ausbrach. Meinem Opa fiel der Geigenbogen aus der Hand, als er sah, wer da vor den Altar trat: seine Else. Er hastete heim, wo ihn seine Mutter tränenüberströmt erwartete. Sie erzählte, dass der Bruder der jungen Frau im Krieg gefallen war, der Hof dringend einen Mann für die Feldarbeit brauchte und man nicht auf Karl warten konnte.

Opa war sehr verbittert und es dauerte fast 2 Jahre bis er beim Geigenspiel in der Kirche die neue hübsche Orgelspielerin namens Paula wahrnahm. Viel viel später wurde diese hübsche meine Oma. Bis die beiden jedoch heirateten, sollten weitere 7 Jahre vergehen. So vieles stellte sich ihnen in den Weg, an vorderster Stelle die neuen Schwiegereltern, die von der "Stadtmadam" gar nicht begeistert waren. Was sollte so eine auf einem Hof? Noch dazu eine Lehrerin, die mit feingliedrigen Händen die Kirchenorgel spielte. Nicht geeignet für Feld-und Stallarbeit entschieden sie. Nachdem Opa Karl jedoch die 40 bereits überschritten und auch Oma Paula den 30er hinter sich hatte, wurde es höchste Zeit, wenn da auch noch Nachkommenschaft her sollte.

Kurz entschlossen wurde mein Opa enterbt und sein Bruder Lois übernahm den Hof. Der dritte Bruder war leider im Krieg gefallen. Mein Opa erhielt zum Ausgleich ein altes Haus in einem anderen Ort, wo meine Oma sofort eine Gemischwarenhandlung aufmachte. Als verheiratete Frau konnte sie damals nicht weiter im Schuldienst bleiben, denn es gab zu der Zeit nur Fräuleins als Lehrerinnen.

Als sich herausstellte, dass Bruder Lois keine Nachkommen haben würde, kam der Altbauer auf die Idee, meinen Opa aufzufordern, dem Bruder doch meinen inzwischen geborenen Vater als Hoferben zu überlassen. Mit den Worten "bei deiner Lehrerin kommen die Kinder eh leicht daher, da kannst du deinem Bruder schon den Fritzl lassen". Meine resche Oma wies dieses Ansinnen ein für allemal zurück: und wenn ich wie meine Mutter 15 Kinder hätte, tät ich keines hergeben. Das war eindeutig. Ganz meine Oma eben!

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