Blind vor Wut

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Blind vor Wut | story.one

„Ich bin in einer halben Stunde bei Ihnen“, hat er mir vor mindestens einer Stunde versichert. Jetzt ist es beinahe halb neun und ich renne schon zum fünfundzwanzigsten Mal vom Fenster zur Tür und schaue, ob das Auto endlich vorfährt.

Gleich nach dem ersten Weckerläuten bin ich aufgestanden, ohne mich noch einmal im warmen Bett umzudrehen. Regelrecht aufgesprungen bin ich und war mit einem Satz aus dem Bett. Ungelenke Morgengymnastik, um meine ausgeruhten Knochen in Schwung zu bringen, danach ging es sofort ins Bad. Waschen, Zähneputzen und in die Kleider geschlüpft.

Um 6.50 Uhr war ich gestellt und bereit für den Tag. Erwartungsfroh und in Alarmbereitschaft, um alles zu tun, damit die Handwerker ungestört arbeiten können.

Um sieben wollten sie da sein …

Das hastig verschlungene Frühstück liegt mir nun schwer im Magen. Es grummelt und rumort in mir. Stau hin oder her, so lange kann es nun wirklich nicht dauern!

Außer sie sind zu spät weggefahren … oder sie hatten eine Panne …?

Nach weiteren Runden zwischen Fenster und Tür wandelt sich allmählich die Sorge in Wut. Noch versuche ich mich in Zaum zu halten.

Wenn sie um neun kommen, sollte sich die Arbeit heute noch ausgehen. Morgen habe ich keine Zeit, es MUSS sich heute noch ausgehen!

Hitze steigt auf in mir, meine Schritte werden schneller, ebenso mein Herzschlag.

8.47 Uhr zeigt die Küchenuhr und weit und breit keine Handwerker zu sehen!

Mit bebenden Händen und aus meinem Kopf unsichtbar aufsteigenden Rauchwölkchen greife ich zum Telefon und wähle ihre Nummer …

Nichts, keiner hebt ab.

Ich versuche mich zu beruhigen, atme tief ein und aus und ziehe weiterhin meine Runden. In einem Comic wäre mittlerweile sicher eine ausgetretene Rinne im Boden sichtbar, so oft bin ich die gleiche Strecke schon gelaufen!

Plötzlich läutet mein Handy, es ist der Handwerker. Nach der ersten Schrecksekunde hebe ich ab.

„Es tut mir sehr leid, unser Auto hat eine Panne. Motorschaden. Da geht heute gar nichts mehr!“

Mit weit aufgerissenen Augen schnappe ich nach Luft. Bevor ich ein Wort herausbringe, spricht er weiter: „Dann müssen wir es wohl auf morgen verschieben. Um Sieben sind wir bei Ihnen!“

Ein freundlicher Gruß und aufgelegt.

Mein Unterkiefer hängt fassungslos nach unten, das Handy rutscht aus meiner Hand und erneut steigt Hitze in mir auf. Ich schlucke und hole tief Luft. Meine Augen schrumpfen zu einem schmalen Schlitz, dafür öffnet sich mein Mund, so weit es mir möglich ist und ein lauter Schrei dringt aus meinem tiefen Inneren und erfüllt markerschütternd den gesamten Raum.

Mein Brustkorb ist angespannt, meine Hände zu Fäusten geballt, ich zittere am ganzen Körper und schreie.

Nun ist es wahrlich Wut, die in mir überquillt, und ein Ventil sucht, um auszubrechen.

Ich schreie und schreie, bis es mir im Hals brennt und mein Kiefer beinahe ausgerenkt ist.

Wenn ich mich wieder beruhigt habe, kümmere ich mich um den neuen Termin.

Und dann schaue ich tiefer … was verbirgt sich hinter dieser Wut tatsächlich?

© Gabriela-fgh 11.06.2019