Der nackte Mann

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Der nackte Mann | story.one

Wien, 2. Bezirk, Nähe Augarten, Anfang der 70iger Jahre

Für ein Mädchen, dass Einzelkind ist, in eine von Klosterschwestern geführte Mädchenschule geht und ganz normale Eltern hat, war es damals fast unmöglich irgendwo einen nackerten Mann zu sehen. Meine Freundin und ich wir waren knapp vor der Pubertät und an dem männlichen Körper schon sehr interessiert. Meine Eltern liefen niemals nackt herum und gewaschen wurde sich hinter verschlossener Tür. Internet zur geheimen Recherche gab es noch nicht. Die Aufklärungsversuche der Lehrer und der Eltern waren sehr theoretisch.

Einmal fanden wir im Park unter einer Bank eine dieser anrüchigen Zeitschriften, die damals in der Trafik noch unter dem Ladentisch versteckt wurden. Sie brachte uns auch nicht weiter, denn dort wurden nur Fotos von nackten Frauen gezeigt. Im Freibad gab es einen FKK Bereich aber nur für Erwachsene und außerdem nach Geschlechtern getrennt. Die Jugendzeitschrift Bravo beantwortete zwar einige unserer Fragen aber zu sehen war auch hier nicht sehr viel.

Nach langem und hartnäckigem betteln haben mir meine Eltern den Mann zu meiner Barbie Puppe gekauft. Er hieß Ken und war wohl die größte Enttäuschung die ein nackter Mann zu bieten hat. Der hatte überhaupt nichts in der Hose, da war nicht einmal etwas angedeutet. Jetzt wusste ich wenigstens warum die Barbies keine Kinder haben.

Ich habe also wirklich alle Möglichkeiten bedacht um meine lückenhafte Bildung zu vervollständigen.

Da bekam ich unerwartet und unabsichtlich Rat von 2 größeren Mädchen aus der Schule. Laut und ohne Scham unterhielten sie sich in der Straßenbahn über ihr Erlebnis im Augarten. Sie erzählten von einem Mann im Übergangsmantel. Wenn ihm Mädchen entgegen kommen, öffnet er seinen Mantel und ist darunter splitternackt.

Meine Freundin und ich hatten jetzt einen Plan und den hielten wir für genial. Die nächsten Nachmittage verbrachten wir im Augarten. Wir spazierten die Alleen entlang, immer auf der Suche nach dem Nackerten. Er war nirgends zu finden. Da wir schlecht jemand fragen konnten " wo is denn bitte der Nackerte?", suchten wir einfach den ganzen Augarten ab. Irgendwann haben wir ihn dann beim Flakturm gesehen. Wir liefen dem Mann im Trenchcoat nach. Er war knapp vor uns und ging in die gleiche Richtung wie wir. Als zwei Frauen entgegen kamen öffnete er auch seinen Mantel, aber nicht für uns denn wir waren hinter ihm.

Jetzt erkannten wir den Fehler in unserem Plan. Wir rannten in die entgegengesetzte Richtung einmal um den Flakturm. Völlig außer Atem kamen wir dem Mann entgegen. Er öffnete auch wirklich seinen Mantel und..... wir trauten uns nicht hinzuschauen.

© Gabriele Koubek