Bücher oder Bier

Ich parke das Auto ein und überlege kurz, weil das grade wieder ein Halteverbot ist. Gezahlt hab ich schon einmal in dieser Woche.

Aber das Auto ist nicht weit, ich brauch das Bargeld für den nächsten Termin, und es ist kein Parksheriff zu sehen - also steige ich aus, laufe nach vorn zum Bankomat.

Da sitzt ein Mann, mit weißem Hut, auf der Bank am Gehsteig, da laufe ich vorbei. Er betrachtet die Seite des öffentlichen Bücherschrankes. Gestern haben sich die Leute dort fast angestellt: einer hat ein Buch heraus genommen, ein anderer hat eines hineingestellt, als ich an der roten Ampel auf das Abbiegen warten mußte. Genau so hat sich das unsere Bezirksvorsteherin vorgestellt.

Jetzt sind die Glastüren geschlossen, und die Bank steht so, daß sein Blick auf den zerkratzten, mit Graffiti verzierten Metallkasten fällt.

Warum der wohl da sitzt? Es gibt 10 Schritte weiter so viele Bänke im Park, wo er bessere Aussicht hätte - auf die tief grünen Bäume, doch vielleicht - beobachtet er den Bücherkasten und die Benutzer?- Eine soziologische Analyse vielleicht, welcher Mensch nimmt welches Buch zur Hand?

Ich hole neun Zehner aus dem Automaten. Beim Zurückgehen zum Auto komme ich wieder am Bücherkasten vorbei. Neben dem Mann steht auf der Bank eine Bierdose, er starrt noch immer seitlich auf diesen häßlichen Metall-Kasten. Da bleibe ich stehen, neugierig, möchte wissen, ob meine Vermutung richtig war.

"Grüß Gott!" - Ich nähere mich vorsichtig. "Ich möchte nicht stören, aber darf ich fragen warum Sie hier sitzen?" - Er lächelt mich an, verlegen.... sein Stoppel-Bart sieht gepflegt aus. "... weiß nicht," zuckt er die Schultern. Seine Stimme krächzt wie die eines alten Mannes.

"Ich bin nicht von da, ich wohn in der Otto Bauer Gasse drüben, aber ich hab grade einen argen Schicksalsschlag hinter mir, vor einer Woche plötzlich meine ganze Familie auf einmal verloren, bei einem Autounfall..." - er macht eine Pause, lächelt mir dabei noch immer offen ins Gesicht.

Ich setze mich auf das andere Ende der Bank, mit Respekt- Abstand.

Er schaut schon wieder geradeaus. Den Gesprächsfaden möchte ich nicht abreißen lassen und frage weiter: "Und warum sitzen Sie dann hier?" ... er zuckt die Schultern: "Das da drüben war das Lieblings Lokal von meiner Frau - da waren wir immer Sushi essen, da wollte ich jetzt nicht allein hinein und so sitz ich halt da... "

Und dann erzählt er weiter: ein ungarischer PKW mit Gasflaschen an Bord sei entgegen gekommen, als seine Frau überholt hat - der Lenker hatte 2,56 Promille im Blut - puff, alle drei sofort tot. Morgen ist Begräbnis. -

Aha. Naja - die Bierdose....

Ich suche meine Visitkarte in der Geldbörse: "... ich muß jetzt gehen, aber rufen Sie mich gern an, morgen, nach dem Begräbnis.... Sie sind tapfer, Sie schaffen das auch ohne Bier!" - ich deute auf die Dose neben ihm und steige ein, sein handy läutet.

Kaum daheim, läutet es bei mir, und noch viele Male in den nächsten beiden Tagen.

Schade, er schafft es nicht. Zu viel Bier, und Rotwein.

© GabrieleZauner