Der Bruder

Roswitha L. wurde 1941 in Hollabrunn geboren, mitten im Krieg... ihr Vater - so hatte sie uns, ihren Kindern, immer erzählt, sei im Krieg gefallen...

Jahrzehnte lang hatten wir bei Fragen nach dem Opa nur diese eine Antwort bekommen.

Manchmal, wenn wir dann die Oma fragten, war plötzlich eine andere Geschichte aufgetaucht: Roswithas Vater sei im Krieg geflüchtet, obdachlos in Deutschland gefunden worden, arbeitsscheu, wollte er sie und die Kinder nie unterstützen.

Ihre "Kinder"? Da hatten wir bei der Oma weiter nachgefragt: ja, da sei noch ein kleineres Kind gewesen, aber der Bub sei gestorben, als ein Topf mit kochendem Wasser vom Herd auf ihn runtergefallen ist.

Und dann war da noch ein Bub, der Reinhard.-Unsere Mutter kommentierte: Der war ein schlimmer, sehr bösartiger Bruder, und - Daß er sehr brav war, wußte die Oma zu berichten: nur die Roswitha, die sei immer sehr böse zu ihm gewesen, hätte ihm eifersüchtig alles weggenommen ...

Der Bruder meiner Mutter war also unser Onkel Reinhard! Einmal hatten wir ihn kennen gelernt, als meine Cousine 1985 heiratete... Danach wurde er von meinen Eltern totgeschwiegen: er hätte seine Familie verlassen, nach der ersten Ehe mit zwei Töchtern in N.Ö. noch andere Kinder gekriegt, hätte deren Mütter - Ausländerinnen!! - im Ausland!! - sogar geheiratet. Fürchterlich.

Unmoralisch... von so einem Bruder wollte meine Mutter nichts wissen. Und ich solle nicht weiter fragen.

Da nahm er 1991 eines Tages Kontakt auf zu mir - er hatte gehört, daß ich in Ost-Berlin arbeitete, da war er auch ... und dort trafen wir uns: abends nach dem Büro, wöchentlich zum Essen - er sein Steak, ich meinen Salat mit Toast und Kartoffel. Er genoß es sehr, aus der Kindheit zu erzählen, und ich hörte aufmerksam zu.

Seine große Schwester, so schwärmte der Bruder meiner Mutter, sei ein blond gelockter Engel gewesen... sie sei als Ältere überall - bei den seltenen Mahlzeiten nach dem Krieg, bei der Kleidung, bevorzugt worden, und dann, als die Russen kamen, wäre sie als Teenager sogar vom Religionslehrer nach Wien ins Internat geholt worden, weil sie so gut war in der Schule... Dort konnte sie dann im Kloster in der Hofzeile sogar Lehrerin werden.

Er selbst sei auch im Internat gewesen, in Hollabrunn... und er hätte ja damals allen erzählt, was der Religionslehrer da von ihnen verlangt hatte... nur hat ihm keiner geglaubt. - Und seine Schwester, die würde ihn wohl nie mehr respektieren, in ihrem katholischen Wahn...

Die Lilo aus Serbien, seine Frau, hätte mit allen seinen Kindern noch Kontakt. Unser Alexander ist schon 1 Jahr alt! Komm uns mal besuchen! - So endete das letzte Essen vor seinem tödlichen Unfall.

Die Tante Lilo sehe ich viel zu selten... Die Oma wurde von meiner Mutter ins Altersheim gesteckt in Hollabrunn, wo sie einsam gestorben ist, bevor ich noch aus Berlin zurück war.

Lilo gehts gut - sie hat mit 65 aufgehört zu rauchen, und sie ist selber Oma geworden! Alexander hat mit seiner Frau voriges Jahr einen Sohn bekommen.

© GabrieleZauner