Der Wunsch

Es war Samstag nachmittag - meine Schwester rief an, ganz aufgeregt: sie sei im Spital gewesen, wo unser Vater seit einigen Wochen im Koma lag, nach einem Sturz auf den Kopf. Die Ärzte hatten ihn vielleicht auch in künstlichem Tiefschlaf gehalten - für uns war es ein "Koma", weil unklar war, ob und wann er aufwachen würde.

Sie war also dort, mit beiden Mädchen und ihrem Mann: Der Opa ist aufgewacht!! Das war eine Sensation. - Nun würde ja sicher alles wieder bergauf gehen! Vater würde vielleicht wieder ganz gesund werden - das hatte er nach zwei Herzinfarkten geschafft, und auch nach dem großen Schlaganfall vor 2 Jahren konnte man mit ihm wieder einfache Gespräche führen. - ... und sie hörte nicht mehr auf zu erzählen, vor Aufregung:

Er sitze aufrecht im Bett, könne zwar nicht sprechen, aber er bewegt die Arme, lächelt, als wolle er "Hof halten". Die persönliche Ausstrahlung hatte mein Vater nie verloren, auch nach einigen Krebsoperationen samt Chemo blickten seine Augen zwar sprachlos, aber immer voller Würde im Zimmer umher. - Meine Schwester sprudelte weiter:

Sie sei zu den Ärzten gelaufen um ein Schmerzmittel, denn er hätte etwas gedeutet, er hätte sicher Schmerzen gehabt. Ich solle dringend darauf achten, wenn ich ihn morgen besuchen würde. - Das versprach ich ihr und nahm mir vor, Sonntags gleich nach der Kirche ins Krankenhaus zu fahren.

Während der Messe vibrierte mein handy so eindringlich, daß ich hinaus ging, den Anruf anzunehmen. Mein Bruder benachrichtigte mich ganz sachlich: unser Vater sei heute früh gestorben, und ich möge mich um 13h im Spital einfinden, zur Verabschiedung.

Wie in Trance fuhr ich meinen kleinen Sohn zu seinem Papa, dann ins Spital, wo der Leichnam aufgebahrt lag. Den Mund mit Leukoplast zugeklebt, sah Vater ganz friedlich aus, mit ruhig verschlossenen Augen, von Schmerzen merkte man nichts. Er hielt eine rote Rose in den Händen, die man ihm vor dem Oberkörper verschränkt hatte. - Meine Nichten standen mit ihrer Mama rundum, rechts und links neben der Oma. Der Bruder versuchte, etwas zu sagen, war aber still, als der Arzt hereinkam.

Er hätte - so begann dieser - unseren Vater schon gern noch intensivmedizinisch behandelt nach dem Aufwecken aus dem Koma. Aber man hätte hier im Krankenhaus Verständnis für den Wunsch der ganzen Familie, ihn zu erlösen, so hätte man heute kurz nach Mitternacht die lebenserhaltenden Apparate abgedreht. - Mein Bruder nickte dazu mit gesenktem Blick langsam mit dem Kopf.

Die ganze Familie hat sich gewünscht... ??!!

Da begann unsere Mutter, laut zu schluchzen, und alle Aufmerksamkeit richtete sich auf sie, wir bemühten uns alle, sie zu beruhigen. Sie schneuzte sich geräuschvoll, dann war es wieder still. Ich war wie benommen... Die Atmosphäre war traurig und friedlich, mit der schönen Rose in der Hand des Vaters. Die Worte des Arztes waren verklungen, die Bedeutung war mit ihnen verschwunden.

Todesursache: "Multiples Organversagen" stand später auf dem Totenschein.

© GabrieleZauner