Grün in grün

Ein grünes Blatt im hellen Sand - nein, ein Zweig - ich schaue näher hin: eine Gottesanbeterin! Ich schaue manchmal die Universum- und andere Natursendungen an, da erkenne ich sie ganz genau. Der dreieckige Kopf, die beiden geknickten Vorderbeine... sie läuft da unten vor mir, bleibt stehen. -

Irrtümlich wirft jemand beim vorbei gehen Sand drauf. Sie verschwindet fast ganz, ich helfe ihr mit der großen Zehe, sich auszugraben.

Wie klein sie ist - kaum zwei Zentimeter lang. Aus dem Fernsehen hab ich sie als riesige, gefährliche Räuberin in Erinnerung, die ihre Opfer, Liebhaber "danach" brutal mit den Scheren zerstückelt und auffrißt. - Sie läuft weiter, bleibt wieder stehen, putzt scheinbar mit den Vorderbeinen den großen Kopf, erinnert mich an eine Katze.

Ich möchte sie vor der Hitze retten, sie ins Gras hinauf tragen, obwohl ich gar nicht sicher weiß, ob sie das will, gerettet werden. Kaum 10 Meter weg ist die Wiese, das schafft sie nie, sie läuft in die falsche Richtung.

Ich schnappe mir einen leeren Plastikbecher, der herumliegt, fange sie ein. Sie macht einen Sprung, sitzt auf meinem Handgelenk und schaut mich an. - Ich lasse den Becher fallen, dann ist mein erster Schreck überwunden. Sie sitzt, schaut mich an - ich schaue zurück, in die weißen winzigen Augen in den oberen Ecken des Drei-Ecks-Kopfes.

Ich bewundere die Farbe - ein strahlendes helles grün. Ich zähle die Beine - vier hinten, die sich spreizen, an mir festhalten, zweigliedrig abgebogen. Sie sitzt scheinbar ohne Mühe, denn die Vorderbeine mit den Scheren dran, die sind erhoben - werden jetzt über den Kopf gelegt, als würde sie sich putzen!

Sie fühlt sich anscheinend wohl, ich habe auch keine Angst mehr, erinnere mich an meinen Vorsatz: sie soll in die Wiese. Langsam gehe ich los, sie putzt sich weiter. Da gehe ich schneller, die 3 Stufen hinauf zu meinem Liegestuhl im Gras. Sie sitzt - abwechselnd legen sich die Vorderbeine um das linke und rechte "Ohr" - um die jeweilige Spitze des Kopfes. -

Ich habe das Bedürfnis, dieses Wunder mit jemandem zu teilen. Die Nachbarin steht sogar auf, um das Wunder zu bewundern, mit respektvollem Abstand. Wir besprechen wie die Wissenschafter: die zwei großen, behaarten Scheren, die vier dünnen Beine hinten.

Gottes-Anbeterin heißt das Tier, das weiß ich sicher, das ist nicht einfach eine Heuschrecke.

Auf dieses Stichwort springt das Insekt auf das weiße Strandkleid der Nachbarin zu. - Ich versuche im Affekt, nun diese zu retten, vor dem Schrecken, den mir so ein Angriff bereiten würde: mein Arm schnellt nach vor, ich klopfe kurz auf ihr Kleid, als hätte ich das Tier hinunter geworfen, zeige aufs Gras, als würde ich sie dort sitzen sehen. Leider sehe ich gar nichts, ihr grün wäre zu ähnlich dem grünen Gras. Aber daß ich sie sehe, ist ungeheuer erleichternd für die Nachbarin.

Insgeheim hoffe ich, daß sich das Tier nicht doch verkrochen hat in den Falten des weißen Strandkleides. Dort entdeckt, wäre mein Schwindel grün in grün nämlich aufgeflogen.

© GabrieleZauner