Mittelfinger

Hochschwanger war ich. Es war Winter, der Kindesvater war skeptisch, hatte nie Kinder wollen, weil man da ja "Unterhalt zahlen muß!!"

Dieses Schreckgespenst hatte ihn die Freuden des Familienlebens gedanklich wegschieben lassen. Da war seine Mutter, in der Wohnung unter ihm - neben seinem anstrengenden Job als Behindertenbetreuer teilte er mit ihr seine Sorgen.

Da war kein Platz für eine Gefährtin. So weh das auch anfangs tat - ich hatte schon ein Kind allein bis in die Pubertät gebracht - das würde unsere kleine Familie bereichern, wenn da noch ein kleiner Bub sein würde.

Seit seinem Geständnis "Mama hat gesagt, ich muß mich freuen!" hatte ich auch so etwas wie Interesse an seinem Kind bemerkt. Einmal ging er sogar mit zum Video-Ultraschall: das Kind winkte, schien seinem Vater den Mittelfinger entgegen zu strecken...

Es war Freitag, und der Kaiserschnitt im "Göttlichen Heiland" war für Dienstag früh angesetzt. Ich holte ihn ab mit dem Auto, zur letzten Routine- Untersuchung. - Die Hebamme wurde nervös, als sie meinen Bauch abtastete, rannte aus dem Zimmer, kam wieder, um uns zu sagen: "Wir müssen das Kind sofort holen. Dem geht es nicht mehr gut. Das Fruchtwasser ist schon schlecht !" Ich zog nur meine Schuhe aus, übergab sie ihm.

Ein kurzer Gedanke noch an meine 13- jährige Tochter - die war bei der Papa-Familie übers Wochenende, Gott sei Dank. Sie fühlte sich dort sehr wohl mit ihren vielen Halbgeschwistern. Ihr Vater hatte kurz nach Eheschließung mit mir begonnen, sich im Ausland weiter fortzupflanzen, hatte die kroatische Mutter der anderen Kinder dann nach Wien geholt. Somit alles OK - ich konnte mich auf die Geburt konzentrieren.

Inzwischen lag ich auf einem Tisch, vor meiner Nase wurde ein Vorhang vorgezogen, sodaß ich meinen Unterleib nicht sehen konnte. Ein Helfer, grün gekleidet, saß neben meinem Kopf, hielt meine Hand, redete liebevoll auf mich ein: "Jetzt kommt ein kleiner Stich, dann spüren Sie unten nichts mehr..." ich mußte kurz seine Hand fest drücken. Dann spürte ich schon schmerzlos die Schere. Eine dicke Fettschichte war zu durchdringen...

"Keine Sorge, die Narbe wird man nicht sehen unter dem Bikini - wir machen die Öffnung ganz klein!" Der Chirurg wollte mich beruhigen. Ich versuchte, zu protestieren... es war mir vollkommen egal, wie groß die Narbe aussehen würde... das Kind sollte schnell raus!! Mein Bauch wurde gezogen, gedrückt, ein unterdrückter Schrei, Lächeln bei allen grün gewandeten, die eifrig herumliefen.

Jetzt würde man mir das Kind auf die Brust legen - wegen der Gefühlsbindung, oder? Ich fragte voll Sorge die Hebamme, als gar nichts passierte. "Nein nein", beruhigte sie mich. "Sie werden hier noch gebraucht! Wir müssen Sie noch zunähen - den Buben haben wir gewaschen, und gut zugedeckt dem Papa auf den Bauch gelegt... die beiden sitzen draußen und lernen sich kennen."

Ich war erleichtert. Dieses Bild habe ich bis heute vor Augen, wenn sich die beiden wieder einmal gegen mich verbünden...

© GabrieleZauner