Zen oder der Lärm in meinem Kopf

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Zen oder der Lärm in meinem Kopf | story.one

Als ich 19 war, nahm ich das 1.Mal an einem Schweigeretreat teil. Er dauerte 5 Tage. 5 Tage, in denen wir nicht miteinander sprachen und stundenlang am Boden saßen und Zen praktizierten.

Zen ist eine Achtsamkeitsübung, bei der man mit offenen Augen am Boden sitzt, jeweils für 20-30 Minuten. Man sitzt absolut still da und konzentriert sich auf seinen Atem. Wenn Gedanken kommen, lässt man sie vorbeiziehen. Es ist auch nicht schlimm, wenn man schnell das nächste Mittagessen plant, oder eine Einkaufsliste erstellt. Wenn man das bemerkt, lässt man es einfach los. Meine Zenmeisterin sagt, dass man gar nicht an nichts denken kann, sonst wäre man längst tot.

Zurück zum Retreat. Ich war erstaunt, wie laut es werden kann, wenn man leise ist. Die Gedanken im Kopf überschlagen sich, drängen sich vor, schreien raus, wollen gehört werden. Das kann anstrengend sein. Am Ende des Schweigens, als wir nach 5 Tagen miteinander sprechen durften, fühlte es sich jedoch angenehm friedlich an. Es war schön, mit den anderen nun auch verbal in Kontakt treten zu dürfen. Wir waren gemeinsam im Stillen gesessen, nun konnten wir uns austauschen, was wir erlebt hatten.

Es vergingen dann sehr viele Jahre, die ich ohne Zen verbrachte...

Vor ca. 5 Jahren hatte ich den Wunsch, mehr zur Ruhe zu kommen. Mein Leben verlief hektisch: Job, Studium, Kind, Haushalt. Zen kam wieder zu mir, ich machte einen 2.Einführungskurs und fand dann in Wien eine wunderbare Zenmeisterin, die eine kleine Gruppe in ihrer Praxis leitet.

Wir haben auch während des Lock-Downs Zen praktiziert. Jede saß für sich, in der Pause haben wir uns über Zoom angerufen und miteinander geplaudert. Zen hilft mir, hinunterzukommen, langsamer zu werden, ein bisschen vom Gas zu steigen. Ich bin ein Mensch, der schnell redet, schnell denkt und meistens auch schnell etwas tut. Mich hinzusetzten, auf ein Kissen, und für 20 Minuten einfach still zu sein und gar nichts zu machen, außer zu sitzen, ist eine Herausforderung für mich. Und doch hilft es mir, macht mich ruhiger und fokussierter.

Als Corona bei uns anfing um sich zu greifen, fand ich dazu einen sehr passenden Spruch: If you can`t go outside, go inside. Ich konnte kaum rausgehen, es hat mich sehr getröstet, dass ich nach innen gehen konnte. So hatte ich weniger das Gefühl, eingesperrt zu sein.

© Gandalfine 01.08.2020