Abschied in Raten

Es ist ein Abschiednehmen in Raten. Glioblastom. Ein regelrecht komisch klingender Name, der so gar nicht zu der dahintersteckenden Krankheit, dem dahintersteckenden Todesurteil passt: Ein Gehirntumor der schlimmsten Stufe, der unweigerlich zum Tode führt. Unheilbar, und im Falle von Georg inoperabel.

Es heißt, man wächst mit seinen Herausforderungen. Herausforderungen hatten wir im letzten Jahr für ein Leben genug, doch nun wartet bereits die nächste auf uns. Uns, das sind mein Mann, unsere Tochter, unser Sohn und ich. Und Helga, die Frau von Georg, meine Schwiegermutter. Sonderlich nahe gestanden sind wir uns seit der Geburt der Kinder nie. Zu unterschiedlich sind unsere Wesen, und doch kommt seit der Diagnose vor 3 Wochen eine Nähe und ein Vertrauen auf, das wohl nur in Krisensituationen zu spüren ist.

Eine Krise sei eine Situation, bei der bisher gegoltene und angewandte Verhaltensmuster plötzlich nicht mehr passen, man sich hilflos und planlos vorkommt, sagte mir eine Freundin. Hilflos und planlos war meine Schwiegermutter niemals. Stets wusste sie, was zu tun war. Selbst die Herausforderungen des letzten Jahres für meinen Mann, ihren Sohn, ließen sie nicht rast- und planlos werden. Es müsse schon etwas Schlimmeres passieren, damit sie beunruhigt sei, teilte sie mir vergangenen Herbst mit, was mich angesichts der schlimmen Zeit, die mein Mann letztes Jahr durchleben musste und damit auch wir, unsere Kinder und ich, zornig werden ließ.

Nun hat sie ihre Herausforderung, die sie beunruhigt und hilflos macht. Ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte es würde ihr, Georg, meinem Mann und uns erspart bleiben. Gerade erst von einer nahezu sorglosen Urlaubswoche zurückgekehrt, endlich wieder einmal hoffnungsfroh in die Zukunft blickend, traf uns alle die Diagnose wie ein Faustschlag ins Gesicht. Unerwartet niedergestreckt.

Es hat gedauert, bis wir wieder auf die Beine gekommen sind. Und nun blicken wir bei jedem Besuch Georg in die Augen, versuchend seinen vertrauten Blick einzufangen und abzuspeichern. Abrufbar für jene Tage, wenn sein Blick leer, seine Gesten fremd und sein Wesen uns unbekannt werden wird.

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