Glück

Als ich dich zum ersten Mal sah, war es, als würde ein neues Kapitel meines Lebens aufgeschlagen werden. Als würde erst jetzt ein Teil von mir, ein Teil meines Wesens zum Leben erweckt werden. Deinen Blick hoffe ich mein Leben lang nicht zu vergessen. Starr war er, dein Blick. Neugierig und fordernd. Du wolltest los starten. Jetzt, sofort. Als würdest du die Zeit, die du zu spät kamst, kompensieren wollen. Du hattest Lust auf Leben.

„Welches Leben würde es werden? Was hält das Schicksal für dich bereit?“, dachte ich mir. Ich konnte meinen Blick von deinem nicht abwenden.

10 Tage zu spät und dann mit einer Vehemenz ins Leben geboxt. Ja, geboxt war wohl das richtige Wort. Mit der Faust im Gesicht bist du in das grelle, helle Licht der Welt hineingestürzt. Zuerst zögerlich und dann mit einer Naturgewalt, die nur jene nachempfinden können, die selbst dabei gewesen sind. Bei einer Geburt. Eine Naturgewalt, ja das war es.

Aber nicht du. Du warst zart, klein, anschmiegsam. Wir verstanden uns auf Anhieb. Als hätten wir ein Leben bereits miteinander verbracht. Irgendwie war das ja auch so. Zumindest für jene zehn Monate, die du in meinem Bauch verbracht hattest. Du warst mir nicht fremd, sondern vertraut. Ich stand vor keinem Rätsel, wenn du einmal dein Stimmchen lauter werden ließest. Ich wusste, was du wolltest.

Wie hattest du unser Leben bereichert, auf die Beine gestellt, umgekrempelt. Uns bei null starten lassen. Ein neuer Abschnitt. Ab nun trugen wir Verantwortung. Ab nun hatten wir Sorgen. Von nun an galt es, unser Leben an dir kleinem Würmchen auszurichten. Unser Wir steckte zurück für unser neues Wir-Gefühl. Nun waren wir zu dritt und unsere Liebe zu dir nicht enden wollend.

Manchmal war es ein bisschen eng und ungewohnt. Manchmal Nerven aufreibend und fürchterlich. Doch jeden Tag, den wir dich heranwachsen sehen, wissen wir, dass du unser Leben erfüllst, uns Sinn und Halt in dieser Welt gibst. Du vermittelst uns Werte, nicht umgekehrt. Du blickst uns an, lachst, schimpfst, bist zornig, wütend - das Essen schmeckt nicht, du weißt nicht, wie du dich kleiden sollst oder du willst einfach mit dem Kopf durch die Wand. Und jedesmal wird uns klar: Das ist das Leben. Du. Nicht die Arbeit, nicht die Ärgernisse und Traurigkeiten dieser Welt. Einfach nur du, unser Glück.

Es heißt Kinder verändern einen, drehen das Leben auf den Kopf. Das stimmt. Es ist lebenswerter mit dir. Mit deinem kleinen Bruder, der uns nun komplettiert. Und nun blickst du selbst mit großen Augen auf dieses kleine Wesen, liebst ihn abgöttisch und bedingungslos. Das ist Glück. Das pure Glück. Möge es so bleiben.

© Gefühlfeder