Kahlkopf

Er war 72, soeben erst 72 geworden. Er hatte immer volles, haselnussbraunes Haar gehabt. Volle schöne Haare, durch die seine blauen Augen, umgeben von seinen markant buschigen Augenbrauen, noch blitzblauer erschienen. Sein Blick war stets verschmitzt, ein schelmisches Lachen in seinen Augen.

Oft wurde er, der Kriminalbeamte, unterschätzt. Zum Leidwesen seiner Gegner, denn scharfsinnig waren seine Aussagen und oft spitz, ohne Pardon, auf den Punkt gebracht. Es gefiel ihm, unterschätzt zu werden und so sein Gegenüber zu überrumpeln.

Er war stur, eigensinnig, und ob seiner Hilfsbereitschaft für viele ein Fels in der Brandung. So auch für uns, vor allem für seinen Sohn.

Niemals über ihre gegenseitige Zuneigung gesprochen und doch jeder wohl wissend, dass er auf den anderen zählen konnte. Immer. So auch an diesem Tag.

Ein Tag, der beiden in Erinnerung bleiben würde. Doch aufgrund seiner Erkrankung sicherlich nur seinem einzigen Sohn für immer.

Er war gezeichnet durch die schwere Krankheit. Innerlich, und durch die Therapie nun auch äußerlich, für jedermann erkennbar. Das volle Haar, dem nicht einmal ein einzelnes graues angehörte, hatte begonnen auszufallen. Kahle Stellen kennzeichneten von jetzt an diesen klugen Kopf.

Es war an ihm, seinem Sohn, die kahlen Stellen durch eine Rasur des gesamten Kopfes zu kaschieren. Er nahm den Rasierer, und begann seinem Vater den Kopf zu rasieren. Stelle für Stelle entstand ein kahler Kopf. Ein Kahlkopf.

Hätte er, der Sohn, jemals daran gedacht, welche Taten er für seinen geliebten Vater würde erbringen wollen und sollen? Niemals. Und doch war es nun soweit. Eine von mehreren Handlungen, die noch folgen würden. Würden folgen müssen.

Es bestand keine andere Wahl als jene, die ein Kind vielleicht irgendwann einmal seinen Eltern gegenüber treffen muss. Ohne nachzudenken. Ohne darüber nachzudenken, wie verkehrt am Ende die Rollen sein können.

Eltern, die auf ihre Kinder angewiesen sind. Ein Vater, der auf seinen Sohn angewiesen ist. Dies schätzt, da er ihn abgöttisch liebt. Niemals mehr aber in der Lage sein wird, dies zu artikulieren.

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