Lächeln

Er sitzt da und sieht mit traurigen Augen seine Enkelkinder an. Als würde er jeden Moment, jeden Augenblick mit ihnen aufsaugen wollen. Als würde er in ihren Augen ihre Zukunft erkennen wollen. Würde er doch zu gerne wissen, wie sie sich entwickeln, was das Leben für sie bereit hält.

In einer Minute der Klarheit und der Nähe hatte er mir diese Gedanken anvertraut. Wir saßen im Auto, er neben mir, darauf wartend, dass seine Frau aus der Apotheke kommen würde. Als er mir seine Sorgen stockend erzählt hatte, traten mir Tränen in die Augen. Ich musste sie hinunter schlucken. Wollte etwas positives, tröstendes erwidern. Doch was sollte ich in diesem Augenblick der Verzweiflung aufbauendes sagen? Etwas aufbauendes, wenn man todkrank ist? Todkrank, ohne einen Funken Hoffnung auf Heilung. Ich streichelte seinen Arm, seine Wange und schluckte. Nie würde ich diese Situation vergessen. Das schwor ich mir.

Und heute sitzt er mit traurigen Augen da und beobachtet seine Enkelkinder. Ein müdes Lächeln huscht über seine Lippen. Als könnte ich Gedanken lesen, weiß ich nun, was er denkt. Wären es doch nur ein paar Jahre mehr. Den Schuleintritt der Enkelin erleben und vielleicht den Kindergartenstart des erst 18 Monate alten Enkels. Mehr wird doch nicht verlangt. Ein paar Jahre noch. Ist das zu viel verlangt? Wie hart das Leben doch sein kann. Allein der Gedanke lässt Tränen in die Augen steigen. Zu hart ist die Realität.

Georgs Diagnose war hart, regelrecht niederschmetternd gewesen. Vier Monate sind seitdem vergangen. Die Veränderungen sind mittlerweile auch äußerlich zu erkennen. Ein Kahlkopf. Immer wieder leere Blicke. Vergesslichkeit - erinnert er sich an unser Gespräch im Auto, an diese Vertrautheit? Gebrechlichkeit. Jeder Schritt eine Qual. Die innerliche Veränderung betrifft nicht nur Georg, sondern die ganze Familie. Einen jeden von uns. Selbst die Kinder, die plötzlich immer öfter Opa direkt ansprechen. Der Enkel, der mit seinem „Apa“ und seinen strahlenden Augen den Opa aus den trübsinnigen Gedanken reißt. Merken die beiden die Endgültigkeit? Spüren sie, dass die Zeit knapp wird? Wie lange noch? Wir wissen es nicht.

Ungewissheit war noch nie meine Stärke. Wie geht man mit ernsthaften und so ungewissen Zuständen des Lebens um? Fragen, die sich mittlerweile im Kreise drehen. Georg, der hadert. Warum er? Sein Sohn, der versucht die Gedanken zu verdrängen. Seine Frau, die ihn pflegt. Und ich, die Schwiegertochter, versuche jedem die Last zu nehmen. Es bleibt beim Versuch, denn tragen muss ein jeder selbst.

Die Last ist schwer und trotzdem gilt es zu lächeln. Ich versuche es, wir versuchen es. Schritt für Schritt. Immer einen Schritt vor den anderen setzen, ohne zu weit nach vorne zu blicken. Wir leben von Tag zu Tag. Es gibt gute Tage genauso, wie es die schlechten gibt. Die Kunst besteht darin, auch die Sonnenstrahlen zu sehen. Die schönen Seiten des Lebens zu erkennen. Es gibt sie. Lächeln, auch wenn es schwer fällt. Einfach lächeln.

© Gefühlfeder