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Quarantäne Tagebuch

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Quarantäne Tagebuch | story.one

So schlimm die Krise für viele Menschen auch ist…es gibt eine weitere Facette, die diese zu bieten hat: die langersehnte Entschleunigung. Wir wurden aus unserem Alltagstrott gerissen. Unsere Routine ging den Bach hinunter. Schlagartig hat sich alles verändert.

Meine Erfahrung in der Quarantäne:

Tag 1:

Zuerst dachte ich: „Geil. Von Zuhause aus arbeiten klingt vorübergehend ziemlich chillig. Da erspare ich mir 2 Stunden An- und Heimfahrt. Mit der gewonnenen Zeit kann ich endlich meine angefangenen Bücher fertig lesen. Wenn ich schon nicht raus darf, dann könnte ich mich wenigstens bei einem Frühjahrsputz austoben und angefangene Projekte beenden.“ Das Internet füllte sich mit Tutorials, Fitness Challenges und coolen Rezepten zum Nachkochen. Die Begeisterung war da, die Kraft fehlte oft.

Tag 2-7:

Der erste Schub Elan hat mich verlassen. Das Gewöhnen ans Home Office war gar nicht so leicht. Online Meetings wurden eingeführt (wenigstens muss ich mich dafür nicht anziehen). Oft hatte ich Kopfschmerzen vom ganzen Tag auf den Bildschirm starren und wenn ich kein Kopfweh hatte, dann war mir schlecht.

Alles frustrierte mich, ich war dauernd gestresst. So habe ich mir das eigentlich nicht vorgestellt. Der Bewegungs- und Sozial Mangel machte sich bemerkbar. Zu Hause flogen die Fetzen, aber hey: alles leiwand #ichbleibzaus!

Tag 7-10:

Resignation. Nach den ersten aufbrausenden Tagen zu Hause, in denen man sich aufeinander einstellen musste, habe ich mich jetzt mit allem abgefunden. Ich habe bemerkt: Wenn man nicht redet, kann man auch nicht streiten. Die E-Meetings sind mein einziger Hauch von Alltagsstruktur. Am Anfang habe ich mich noch zum Laufen aufraffen können, jetzt bin ich stolz, wenn es für einen Spaziergang reicht.

Tag 10-12:

Ich trage gerne die Maske und sehe gerne andere Menschen mit der Maske. Ich weiche den Menschen gerne aus. Ich halte mich gerne an die Regeln. Da fühle ich mich auf einer tieferen Ebene mit den Menschen verbunden: „Yeah, du und ich sind solidarisch. Wir nehmens ernst. #gemeinsamgegencorona“, denke ich mir dann.

Tag 12-15:

Sich anschweigen ist auch nicht das Wahre, da ist streiten ja noch besser. Quarantäne ist nichts für schwache Nerven.

Tag 16-20:

Aus dem Streit und Schweigen ist so etwas wie Harmonie entstanden. Emotional macht man in der Quarantäne ganz schön was mit.

Tag 21:

Heute trage ich eine Hose. Ich fühle mich overdressed.

Tag 22:

Ich habe die Geduld, wieder Artikel zu Ende zu lesen, Videos bis zum Schluss zu schauen. Wenn ich am Balkon stehe, dann sehe ich den Vogel im Baum, das Insekt auf der Blume. Dinge, die ich ewig nicht wahrgenommen habe. Und das geht nur, weil wir alle im selben Boot sitzen. Weil die Welt auf ihre Art und Weise stillsteht. Weil ich mich nicht minderwertig fühle, wenn ich nur die Hälfte mache, die ich mir normalerweise aufhalse. Weil von außen kein Druck kommt, man nicht auf Social Media sieht, was andere in der gleichen Zeit leisten. Ich entschleunige und das tut so gut.

© GenerationAktionismus 20.04.2020

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