wild und gefährlich

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Wahrscheinlich hast du auf die Geschichte geklickt, weil dich der Titel getriggert hat und dein Leben momentan vielleicht eher das Gegenteil verspricht: Langeweile.

Genau das Gleiche denke ich mir auch, als ich im Zug nach Salzburg sitze.

Gerade noch erwische ich den Zug am Westbahnhof und lasse mich erschöpft auf einen Fensterplatz fallen. Ich ziehe meine Jacke aus und lege sie mir über den Schoß. Dann nehme ich einen großen Schluck von meinem Himbeerwasser und stecke mir meine Kopfhörer wieder hinein. Ohne Musik in meinen Ohren kann ich so gut wie nie die Wohnung verlassen. Ziemlich bald kommt die Schaffnerin und entwertet mein Zugticket. Danach lehne ich meinen Kopf gegen die Fensterscheibe und lasse meinen Gedanken freien Lauf:

"Langweile. Das Leben stockt. Ich stocke. Ich befinde mich im Stillstand. Kein angenehmer Zustand dafür aber bequem. Die Lebensenergie fehlt, ich habe sie mir selbst ausgesaugt. Daran ist nicht einmal wer schuld, außer meine Wenigkeit. Langeweile bedeutet, dass man das falsche Leben führt. Den Satz hast du erst kürzlich gelesen, weißt du noch? Und wie hart der getroffen hat. Wie bei einer Zielscheibe genau in die Mitte. Im Bekannten verweile ich, nun ja, weil ich es eben kenne. Das Unbekannte ist groß und mächtig. Doch in dieser Ungewissheit schmeckt man das Leben am besten. Man fühlt sich am lebendigsten, wenn etwas auseinanderfällt. Im Chaos kommt Intensität auf. Aber wenn man aus dem alt Bewährten einen Schritt heraussteigt, dann macht das angst. Und das ist der Punkt, denke ich."

Dann unterbreche ich meine Gedanken. Meistens dann, wenn ich etwas auf der Spur bin, dass mich verletzen oder einschüchtern könnte. Immer dann, wenn ich am besten Weg zur Wahrheit bin. Aber die Wahrheit tut oft weh und deshalb mache ich mich blind, taub und stumm.

Ich muss aufs Klo, da ich bereits den ganzen Himbeersaft ausgetrunken habe. Als ich zurück auf meinen Platz komme, bin ich erstaunt, wie schnell der Zug fährt. Nur 2,5 Stunden dauert die Fahrt von Wien nach Salzburg. Ich schreibe mir die paar Gedanken von vorher in meinen Notizblock. Eigentlich bin ich am Weg zu einem Vortrag. Aber die Themen, die mich gerade beschäftigen, halten mich davon ab, mich darauf einzustimmen.

"Die Angst kann so mächtig werden, wenn man sie versucht, zu verdrängen. Eigentlich ist das mit allen Sachen so. Wenn man versucht, gewisse Emotionen, Gedanken oder Begierden zu verstecken, werden sie nur größer. Lässt man sie zu, dann nimmt man ihnen ihr Gewicht. Wie immer leichter gesagt, als getan. Mutig müsste man sein, Risiken sollte man auf sich nehmen. Nicht kalkulierte jedoch. Entscheidungen treffen, die vom Herz kommen und nicht Entscheidungen, die der Verstand bestimmt."

Ich seufze. Darüber nachzudenken, ist sehr leicht. Es wirklich zu tun, meistens schwer. Ich nehme abermals mein Notizbuch zur Hand und schreibe:

Das Leben an sich ist kein Problem. Nur der falsche Weg kann viele Probleme verursachen. Lebe wild und gefährlich.

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