Kunst im Stiegenhaus

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Kunst im Stiegenhaus | story.one

"Du kannst aber toll zeichnen." Ich höre die Stimmen noch heute durch meinen Kopf schwirren - die Stimmen der Bekannten meiner Eltern, wenn wir beim Heurigen gesessen sind und ich als Stillbeschäftigung Pferde oder Pokémon abgezeichnet habe. Damals war ich in der Volksschule.

Manche meiner Meisterwerke hängen noch heute eingerahmt im Stiegenhaus meines Elternhauses. Ich bin schon tausende Male daran vorbeigegangen. Nicht nur einmal habe ich dabei gedacht:

"Wieso habe ich aufgehört zu malen?"

oder

"Ich sollte wirklich wieder anfangen zu malen!"

oder

"Für eine 10-jährige habe ich interessante Bilder gemalt. Was wäre, wenn ich nie zum Malen aufgehört hätte?

Es gibt viele Gründe, wieso Bleistift, Farben und der Zeichenblock mit dem Dürer Hasen vorne drauf für 15 Jahre fast zur Gänze aus meinem Leben verschwunden sind. Aber um die geht es gar nicht.

Ich habe mich vor über einen Monat dazu entschlossen, mich wieder künstlerisch zu betätigen. Sozusagen meine Liebe zur Malerei aus den Dornröschenschlaf zu wecken.

Ich habe mich für einen Zeichenkurs über perspektivisches Zeichnen angemeldet. Als ehemalige Kartographin mit Liebe zu Karten und Architektur der perfekte Start. In meinem Kopf habe ich auch eine fabelhafte Idee für ein Projekt. Dieses bleibt hoffentlich nicht mehr lange nur in meinen Gedanken gefangen, sondern soll alsbald für alle sichtbar zu Papier gebracht werden.

"Schön" zu zeichnen ist das eine, aber die Technik zu verstehen etwas ganz anderes.

Einen vor mir liegenden Gegenstand mit zwei Fluchtpunkten aus einer anderen Perspektive zu zeichnen, bereitete mir letzte Woche im Kurs Schweißperlen. Dass Geometrie schon zu Schulzeiten nicht zu meinen Stärken gehörte, versuchte ich dabei permanent aus meinen Gedanken zu verbannen. Wenn ich Fehler machte, die mir mein Lehrer sehr freundlich erklärte, sah ich die Mathematik-Bücher klar vor mir. Bei Erfolgen allerdings assoziierte ich meine Skizzen absolut nicht mit den gefürchteten Geometrie-Stunden, obwohl die Grundformen von Vierecken und Kreisen im Kurs allgegenwärtig sind.

Ich war unglaublich stolz, als ich am Schluss einen Sessel fertig gezeichnet hatte und mein Lehrer zuerst die vorbereitenden Skizzen und dann die fertige Zeichnung anschaute und einfach nur grinsend nickte.

Ich habe meinen Fortschritt über die letzten paar Wochen förmlich gespürt. Die Niederlagen waren teilweise ärgerlich, aber die Erfolge dafür umso schöner.

Ja, vielleicht habe ich zu Schulzeiten kein gutes räumliches Vorstellungsvermögen gehabt. Aber das kann sich ändern. Und das soll und wird es auch.

Denn ich werde dafür sorgen, dass ich weiter übe und dranbleibe. Ich habe ein Ziel. Und darauf arbeite ich hin. Mit kleinen Schritten.

Vielleicht hängen die neuen Meisterwerke auch bald im Stiegenhaus. Wer weiß?

© Geographin 26.01.2020