Vom Autostoppen, Mönchen und Schi [Polen]

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Vom Autostoppen, Mönchen und Schi [Polen] | story.one

"Wenn meine Mama das wüsst. Sie würd mich nicht mehr fort fahrn lassn." Nervös wippte ich von einem Bein auf das andere. "Jetzt beruhig dich mal! Du bist 20 Jahre alt, definitiv alt genug, um selbst zu entscheiden. Geh bitte, so wirkli Blödsinn hast du sowieso nie gmacht - eigentli solltest du dich dafür schämen. Und eine andere Wahl hast du gerade sowieso ned." So schwirrten mir meine Gedanken unkontrolliert durch den Kopf.

Ich hatte gerade 3 Tage Hüttenwochenende in den polnischen Karpaten hinter mir. Kurze Zusammenfassung: 100 junge Leute in einem Bettenlager für 50, ein Wettrennen im Schnee auf Traktorreifen, viel Wodka mit Essiggurkerl, eine Gitarre mit polnischem Liederbuch, 40 gezählte Spinnweben und mindestens genauso viele unentdeckte, ein Plumsklo für alle - auf das ich nie & nimmer gegangen wäre, Grindfaktor gesamt weit über mein Wohlfühlniveau hinaus. Trotzdem: irre viel Spaß!

Nächster Stopp sollte Krakau sein - Auto hatten wir keines und der Bus, mit dem wir hergefahren sind, fuhr am Sonntag leider nicht. Es blieb uns quasi keine andere Wahl als: ein Auto zu stoppen.

Zwischenbemerkung: Als wohlerzogenes Mädchen wäre mir bis zu diesem Augenblick solch eine Aktion nie in den Sinn gekommen. Wo ich bereits in jungen Jahren gelernt habe, absolut nie in ein fremdes Auto zu steigen. Wo meine Oma immer Gruselgeschichten über böse Männer erzählt hat. Wo in Österreich das Autostoppen aufgrund des Wohlstandes bereits so redundant geworden ist, dass man bei am Straßenrand stehenden Personen mit Handzeichen logischerweise skeptisch wird und noch mehr aufs Gas tritt.

Im ländlichen Südpolen ist - zumindest laut meiner Begleitung - Autos zu stoppen so normal wie mit dem Bus zu fahren. Man versuchte mich zu beruhigen. Mir war mehr als mulmig, mein Herz raste wie wild und zusätzlich hab ich den Schock über die hygienischen Zustände der Hütte noch nicht verdaut gehabt.

Wir standen am Straßenrand zu sechst und überlegten uns gerade, wie wir uns am Besten aufteilen sollten. Da blieb schon ein Auto stehen. Ein alter Mann saß am Steuer eines ungefähr gleichaltrigen VWs. Quer durchs Auto ragten vom Kofferraum bis zur Mittelkonsole seine Schi. "Der nimmt uns alle fix ned mit."

Kurze Konversation auf Polnisch.

Und zack: die Ersten stiegen ins Auto ein. Flo, der gemeinsam mit mir von Graz gekommen war, rief mir zu: "Los, setz dich auf den Schoß von Marek, dort ist noch Platz." Alle Rucksäcke passten erstaunlicherweise in den Kofferraum.

Na gut, ich saß also die nächsten 30 Minuten auf dem Schoß eines Mönchs. Marek war einer der wenigen Nicht-Geographie-Studenten des Events, was bis zu diesem Zeitpunkt kein Problem war. Aber im VW machte ich mir Sorgen um ihn, da er während der ganzen Fahrt jammerte, dass ihm so heiß wäre.

Um es in Flos Worten wiederzugeben: Meine Liebe, du hast einen Mönch bekehrt.

Ob diese Theorie stimmt, werden wir leider nie erfahren. Ich kann nur eines sagen: mein erstes Mal Autostoppen war ein Erlebnis der besonderen Art!

© Geographin 05.04.2020