Manchmal hasse ich die ganze Welt

Mein Leben ist eine einzige große Ironie des Schicksals. Die Ironie besteht darin, dass ich stets ALLES und gleichzeitig NICHTS hatte und habe. Ein Widerspruch der es mir nicht immer leicht macht glücklich und ausgelassen zu sein. Ich führe ein Leben von dem viele Menschen träumen in einem Körper mit dem es mir niemand zutraut, manchmal nicht einmal ich selbst.

Das NICHTS: Ich wurde 1973 ohne Arme und Beine geboren; in der Schule war ich schlecht und später nur mittelmäßig; im Spital war ich immer in der Ferienzeit, damit ich von der Schule nichts verpasste; meine Hilfsmittel nahm ich nur unter Protest und mit Mühe an; in meinen ersten Rollstuhl wollte ich zu Beginn garnicht einsteigen und überhaupt das Wort Behinderung klang so behindert, dass ich es ablehnte. Als ich als Jugendlicher versuchte durch lange blondgefärbte Haare cool zu wirken hörte ich Kinder ihre Eltern fragen: wieso hat die Frau keine Arme und Beine? Selbst ein Studienkollege meinte ich hätte es gut, ich müßte mich wenig um mein Erscheinungsbild bemühen denn im Rollstuhl sähen sowieso alle gleich aus... Situationen und Reaktionen die meine Hoffnung auf eine erfolgreiche Zukunft schwinden ließen.

Das ALLES: ich hatte so viel Liebe von meiner Familie und alle die mich liebten schienen so stolz auf mich zu sein, sodass ich all das NICHTS in meinem Leben nicht nur gut ertragen konnte, sondern gut damit leben lernte. Ich wurde sowohl im Kindergarten, später in der Schule als auch im Spital als Patient, auf der Uni, in England, in meinen Urlauben stets so freundlich und gut aufgenommen, als hätte ich ALLES was ein Mensch braucht. So habe ich dann Schritt für Schritt ALLES erreicht was mich heute ausmacht - ich habe studiert, ging für ein Jahr allein ins Ausland, hatte nie Probleme die Liebe zu finden, habe schließlich geheiratet und mittlerweile 5 Kinder. Ich arbeite vollzeit an einem der größten Spitäler Europas, ich fahre Auto, Arbeite als Psychologe, bin Buchautor, Keynotspeaker und der Experte für Motivation, Resilienz und Veränderung.

Wieso hasse ich dann manchmal die ganze Welt? Weil der Verstand das Leben erklären will, weil die Formulare der Bürokratie, der Verlust, die Androhung von mehr Verlust, die Stimmung der Zeit, die unsere Freiheit beschränken will, alles was ich bin überflüssig erscheinen lassen. Ich bin ein erfogreicher Mensch der Freiheit. Jedoch der Erfolg ist nicht frei. Viele Menschen halten sich unfrei. Ich bemühe mich also den Blick für das Wesentliche zu behalten: ich sehe worauf es ankommt im Leben und ich sehe wie grausam oft mit dem Wesen des Menschen umgegangen wird. Ich sehe es täglich und ich bin froh, dass ich bin wie ich bin, denn nur durch das NICHTS das gut behandelt wurde habe ich erkennen und erfahren können was wirklich wichtig ist - so ich habe ALLES was wichtig ist erhalten und erarbeitet. Ich sehe es als meine Aufgabe aus dem NICHTS ALLES werden zu lassen und mir die Freude und Kraft zu bewahren und so weitergeben zu können.

© Georg Fraberger