British Elend

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British Elend | story.one

Kann man ein Auto lieben? Ja, und nein, erst recht wenn es sich dabei um ein Erzeugnis „Made in England“ handelt. Anders als bei einer geschätzten Person ist die Beziehung zu dem Blechkastl meist schon von Anfang an durch recht widersprüchliche Gefühle geprägt...

Die Bezeichnung „Hass-Liebe“ würde es vermutlich am ehesten treffen. Dem hinreißenden Äußeren, das immer wieder die Blicke von Passanten anzieht und ihnen meist ein Lächeln entlockt, ja seinem klassischen Auftritt, stehen technische „Spezialitäten“, die gelegentlich und dann völlig unerwartet zum Totalausfall neigen, sowie eine hundsmiserable Verarbeitungsqualität gegenüber. Letzteres kann schon einmal dazu führen, dass man die „Kraxn“ zum Teufel wünscht und sich fragt, ob man nicht ganz gescheit ist, sich so etwas anzutun.

Sitzt du aber erstmal hinter dem Volant und funktioniert an diesem Tag wider erwarten alles, so bist du rein automobilistisch betrachtet auf der glücklichen Seite des Lebens.

Mein kleiner Sportwagen, in British Racing Green – „what else?“, kommt aus einer englischen Stadt namens Abingdon und hat, wie man leicht ausrechnen kann, seit 1978 schon einige Jahre auf dem Buckel. Ich hab ihn einem gelernten Mechaniker mit pädagogischen Ambitionen abgekauft, der laut seiner Angaben damit auf eigener Achse von England nach Oberösterreich gefahren ist, um das Wägelchen in seiner Garage herzurichten und anschließend Spaß damit zu haben. Der dürfte ihm bald abhanden gekommen sein – warum hab ich über diesen Umstand vor dem Kauf nicht länger nachgedacht?

Als das Auto so vor mir stand, augenscheinlich in einem stark patinierten aber für sein Alter passablen Zustand, war es um mein rationales Urteilsvermögen geschehen. Die Probefahrt offenbarte auch keine technischen Mängel und so kam es, wie es kommen musste. Ich unterschrieb einen Kaufvertrag und war stolzer Besitzer eines 40 Jahre alten „British Sportcars“.

Die erste Zeit fuhr ich ihn vorsichtig, weil ich dachte ja um die Tücken solcher Kisten Bescheid zu wissen. Beim Tanken „Öl voll, Benzin nachschaun usw.“ – man kennt die Sprüche. Traf es aber nicht ganz, denn meiner gönnte sich von beiden Betriebsstoffen einen tüchtigen Schluck. Ich reihte das unter „früher war das halt so“.

20 Liter Sprit auf hundert Kilometer war aber einfach zuviel. Und ohne Choke stotterte der Motor auch im Sommer wie ein Volksschüler, der beim heimlichen Rauchen erwischt wird. Apropos Rauchen, das konnte mein kleiner Grüner auch bestens, so dass die Nachbarn, wenn sie mich mit der Kiste den Parkplatz ansteuern sahen, den Mund verzogen. Dazumals aber nicht zum Grinsen, es machte eher einen verärgerten Eindruck...

Heute nach fünf Jahren und zwei Tauschmotoren kann ich mich immerhin mit dem Spruch, den ich irgendwo aufgeschnappt hab, trösten: „Wegen seiner Stärken wird man gemocht, geliebt wird man aber ob seiner Schwächen.“ Das gilt uneingeschränkt auch für Oldtimer made in Great Britain.

© Georg Stix 24.08.2019