Das Studium

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Das Studium | story.one

Nach erfolgreicher Matura im Juni 1987 und zweieinhalb Monaten Klavierübens im Sommer, um mich auf die Aufnahmeprüfung für Jazzklavier am Konservatorium der Stadt Wien vorzubereiten, die ich dann aber Gott sei Dank nicht geschafft habe, begann ich mein Medizinstudium an der Universität Wien mit dem festen Vorsatz, Wissenschaftler zu werden und als praktizierender Misanthrop den sterilen Raum des Labors der Anwesenheit von kranken Menschen vorzuziehen. So dachte ich damals.

Mein älterer Bruder, der zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre Medizinstudium Vorsprung hatte, führte mich in das Studienleben folgendermaßen ein: „Da drin ist die Hauptvorlesung Chemie. Die brauchst eh nicht! Das Praktikum brauchst! Mehr nicht!“ Und so wanderten wir von einem Gebäude in der Wiener Innenstadt zum nächsten und ich erfuhr, dass ich dort überall eh nicht mehr hingehen musste.

Studieren klang nach viel Freiheit! Sehr bald bemerkte ich, dass die Taktik meines Bruders für ihn dazu führte, dass er im Studium auch nicht weiterkam und schließlich beim Physiologie-Rigorosum, damals die größte Prüfung im ersten Abschnitt, hängen blieb.

Also beschloss ich, Physiologe zu werden! Dieses komplexe Denken und das Entwickeln von Theorien, aus denen dann neue Therapien erwachsen konnten, faszinierte mich. Aber zunächst musste ich durch die kleinen Sachen. Ich erinnere mich an das erste Rigorosum, Chemie. Wir, etwa zwanzig Studenten, standen am Gang vor dem Prüfungsraum und die allgemeine Panik, nichts oder nicht genug zu wissen, erfasste die Gruppe. Nicht mich. Mich langweilte das Herumstehen. Ebenso wie einen weiteren Studenten. Thomas. So kamen wir ins Gespräch. Wir absolvierten beide unsere Prüfung mit sehr gut und seit diesem Zeitpunkt waren wir im Studium unzertrennlich.

Und so landeten wir in der Hauptvorlesung von Professor Binder, DEM Physiologen in Wien, der uns sofort in seinen Bann zog. Wir beide wollten unbedingt bei ihm im Labor arbeiten. Die Voraussetzung dafür war eine sehr gute Rigorosumsprüfung bei ihm, was wir beide schafften. Die Erfüllung all unserer Träume! Mein älterer Bruder, zu diesem Zeitpunkt noch immer am Scheitern bei Physiologie, entschied in dem Moment, das Medizinstudium lieber sausen zu lassen ...

Und dann im Labor bei Gott Binder: Thomas war im siebten Himmel, ich langweilte mich zu Tode! Sehr bald fand ich heraus, dass es Jahre ameisenhaften Arbeitens brauchen würde, um Mitsprache bei den Versuchsanordnungen zu haben. Nicht mit mir! Lieber doch die Kranken!

Thomas ging vollends in der Arbeit auf und sein Weg sollte ihn später in die Chirurgie, dort aber wieder ins Labor und über dieses zu einem der jüngsten Uniprofs und angesehensten Wissenschaftler weltweit in seinem Spezialgebiet der Lungentransplantation führen.

Ich füllte meine Fadesse meiner frühen Jahre lieber mit drei Musikstudien und zog es schließlich vor, unter Menschen zu bleiben. Aber das ist wohl schon die nächste Geschichte ...!

© Georg Weidinger 13.12.2019