Vorm Spital

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Vorm Spital | story.one

Ich hatte gerade einmal ein Semester Medizin studiert, war neunzehn Jahre alt und im Sinne der klassischen Arztwerdung noch grün hinter den Ohren, als ich erstmals VOR den Pforten eines Spitals als angehender Arzt stand.

Der Vollständigkeit halber muss ich erwähnen, dass ich mich trotzdem schon als erfahrener Mediziner fühlte: Der Verweigerung meines Vaters, dem Internisten, geschuldet, mein aufkeimendes Asthma bronchiale mit meinen zehn Jahren zu behandeln, verdanke ich meine jahrelangen Selbstversuche mit Medikamenten, welche bei uns zu Hause frei zugänglich als sogenannte Ärztemuster in einer Billigvariante eines Apothekenschranks grob alphabetisch geordnet lagerten.

Dabei kostete ich, geleitet von der faszinierenden Literatur der Medikamentenbeipacktexte, über die Jahre so ziemlich alles durch, was irgend wie im Zusammenhang mit „Asthma bronchiale“, „Atemnot“, „Allergien“ und im Weiteren medikamentennebenwirkungsbedingt mit „Migräne“, „Konzentrationsstörungen“ und „Akne vulgaris“ stand.

Tief fasziniert war ich in dieser Zeit vor allem von den Nebenwirkungen, wobei ja der Konzern, der das Medikament herstellt, je nach Zulassungsbedingungen mehr oder weniger willkürlich die Hauptwirkung von der Nebenwirkung trennt.

Das Ziel, endlich von meinem Asthma befreit zu werden, schafften diese Medikamente in dieser Zeit alle nicht. Mein Leben war damals aber deutlich von den Nebenwirkungen geprägt: So stellten sich frühe Asthmasprays als „Wachheitsmittel“ heraus, wobei ich diese Wachheit wunderbar durch frühe Antihistaminika antagonisieren konnte. Das Durchkosten gerade der Antihistaminika ist auf ewig in meinen damaligen Schulnoten, der Nebenwirkung „Konzentrationsstörung“ geschuldet, verewigt. Cortison verdanke ich meine erste Akne mit zwölf, Euphyllin meine erste Migräne mit dreizehn.

Beipackzettel und Ärztezeitschriften meines Vaters wurden meine bevorzugte Literatur, immer auf der Suche nach einem neuen oralen Wirkobjekt. Wenn ich dann im meiner frühen Pubertät wagte meinen Vater in seiner Freizeit zu stören, in dem ich eine medizinische Frage an ihn richtete wie etwa „Papa, mir geht’s nicht gut!“, erhielt ich bevorzugt die Antwort: „Asthma bronchiale ist keine schwere Erkrankung. KARDIALES Asthma ist wirklich eine richtige Erkrankung (Mein Vater war Kardiologe ...)! Und wenn du was brauchst, nimmst du dir halt etwas!“, womit er wieder den Arzneiladenkasten im Wohnzimmer ansprach, keine Sekunde von der Tageszeitung aufblickend.

So wollte ich von meinem Vater eine Zeckenimpfung, da war ich zehn. Als er mich in seiner Praxis über eine Stunde warten ließ, fuhr ich nach Hause und gab mir die Spritze selbst. Fortan impfte ich mich also selbst und fälschte Vaters Unterschrift auch noch gekonnt im Impfpass, was mir, medikamentennebenwirkungsbedingt, in Zukunft bei so mancher Fehlstunde in der Schule, eh nicht viele, helfen sollte.

Ich stand also da, überlegte ...

© Georg Weidinger 13.12.2019