Drei Momente

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Drei Momente | story.one

Drei Momente, die für mich alles im Leben verändern sollten –

Moment eins: Ich kam mit zehn Jahren von der Schule nach Hause und erkannte am Gesicht meiner Mutter, dass Gregor, mein gleichaltriger Cousin, mein bester Freund, gestorben war. Mein Brüllen und Toben nahm ich nicht mehr wahr. Sein Dahinsiechen über Monate war nun beendet. Seine Erkrankung, ein Tumor im verlängerten Mark, war viel zu spät erkannt worden. Sein Tod Folge des Herumschickens von einem zum anderen Spital, Folge des Systems, Folge der Trägheit, ich im rechten Moment nicht bei ihm.

Moment zwei: Ich war dreizehn und schreckte in der Nacht plötzlich aus dem Schlaf auf. Erst da bemerkte ich, dass ich nicht mehr ausatmen und damit auch nicht mehr einatmen konnte. Bis zu diesem Moment hatte ich, der Asthmatiker, Angst vor dem Ersticken gehabt. Mein Asthma wohl seelisch, mein Vater, der Internist, nie da, meine Mutter, die Verzweifelte, ständig am Weinen. In dieser Nacht erfasste mich die Panik zu ersticken in ungeahntem Maße bis zu dem einen Moment kurz vor der Bewusstlosigkeit, als ich auf einmal loslassen konnte, annehmen konnte, dass es nun zu Ende ging und ich in völligem Frieden das Bewusstsein verlor. Mein Vater, der Internist, zufällig und selten genug zu Hause. Einmal war er da. Das eine mal zählte. Er spritzte etwas und holte mich ins Leben zurück.

Moment drei: Ich, siebzehn Jahre alt, ritt an einem wunderschönen, eiskalten Wintertag über die tief verschneiten Felder meiner Heimat, dem Marchfeld, ich auf meinem Warmblut Apolet, dass wir drei Jahre zuvor vor dem Schlachter gerettet hatten und ich drei Jahre lang gepflegt und neu aufgebaut hatte. Ich galoppierte los, ließ ihn gewähren und wir flogen förmlich über die glatte Schneefläche der Felder, nicht möglich zu unterscheiden, wo Weg war und wo Feld, als Apolet plötzlich mit den Vorderbeinen keinen Halt mehr fand und bei vollem Tempo so überschlug, dass er mit Wucht auf den Rücken donnerte, ich seitlich neben ihm. Heute noch sehe ich, wie er, blutverschmiert im Gesicht und am ganzen Körper, wie in Zeitlupe seine vier Beine ganz vorsichtig um mich herum aufsetzt und ganz langsam seinen Körper aufrichtet und nun, über mir, stehen bleibt und mich mit seinen Nüstern im Gesicht berührt, so als wolle er mich wach küssen.

Meine Geschichte ist mein Weg. Ich wurde Arzt, um zu helfen und zu heilen, wurde Lehrer, um mein Wissen und meine Erfahrungen weiterzugeben, schreibe Bücher, um Menschen zu berühren und zu bewegen. Und ich versuche, als Vater immer da zu sein.

In jener Nacht des Erstickens verlor ich meine Angst vor dem Tod, bei jenem Ausritt mit Sturz gewann ich mein Vertrauen in das Leben. Täglich empfinde ich unendliches Glück, am Leben zu sein, lache mit meiner Frau und den Kindern, versuche gerade bei ihnen alles richtig zu machen.

Heute sehe ich klar, was zählt, im Leben, im Leid, vor dem Tod, wofür es sich lohnt, einzustehen.

Und egal, wo wir unterwegs sind und wie es weitergeht im Leben: Wir vertrauen dem Weg.

© Georg Weidinger 09.12.2019