Im Spital

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Und so begann ich 1996 meinen Turnus an dem Haus, das ich gut kannte, das mir bereits Familie war und vertrauter Boden: das Evangelische Krankenhaus in Wien Alsergrund, kurz EKH.

Es muss einer der ersten Nachtdienste gewesen sein. Schon untertags war ich die ganze Zeit hinauf und hinuntergelaufen, hatte mir keine Pause gegönnt, weil mir das Wohl der Patienten über alles ging und ich natürlich auch bei den KollegInnen einen guten Eindruck machen wollte.

Ich hatte gegen 22 Uhr all meine Routine erledigt, als mich eine Schwester bat, nach Frau S auf 203 zu sehen. Frau S litt unter Depressionen und verschiedenen körperlichen Problemen. Sie war von einer Psychiaterin eingewiesen worden, die sich selbst aber nicht um ihre Patientin kümmerte. Ich klopfte an, betrat den Raum und fand eine Frau im mittleren Alter vor, die eine Panikattacke zu haben schien. Und obwohl in Panik, musste sie wegen meiner bunten Hosenträger, auf die ich mindestens 20 Utensilien gebunden und geheftet hatte, lachen. Und da wusste ich, dass ich an sie rankam. Ich bot ihr ein Beruhigungsmittel an, das sie zuvor verweigert hatte. Sie willigte ein. Nach etwa einer Minute ließ die Angst nach, die Enge in ihrem Brustkorb verschwand. Sie konnte wieder tief durchatmen.

Ich nahm mir einen Sessel und setzte mich zu ihr. „Haben Sie auch bunte Hosenträger?“, fragte ich sie. Sie lachte. „Oder anderes Buntes in ihrem Leben?“ Sie lächelte, dachte nach. „Eigentlich ist mein Leben nicht bunt.“, entgegnete sie. „Wann war es denn das letzte mal bunt?“, fragte ich weiter. Und so kamen wir ins Plaudern und sie erzählte mir von sich, von ihrer Kindheit, von ihren Träumen und warum sie diese bis heute nicht leben konnte.

„Können Sie wirklich nicht oder trauen sie sich nur nicht?“ Dann erzählte sie mir von ihrem aktuellen Leben, dem erfolgreichen Ehemann und sie die graue Maus im Hintergrund, die alles erledigt, sich um alles kümmert. „Kinder?“ „Nein, hat nicht geklappt.“

Und wir redeten und redeten. Gegen 24 Uhr wollte ich aufstehen, um die Infusionen im Haus anzuhängen. Die Schwester der Station kam herein, legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte: „Haben wir schon für dich erledigt. Bleib ruhig bei ihr!“ Sie lächelte und nickte. Und ich erzählte von mir, meinen Träumen und meinem Asthmaweg. „Niemals aufgeben! Und immer weitergehen!“, meine gehofft-weisen Worte, ich, der Arzt-Frischling. Um 6 Uhr Früh musste ich dann doch meiner Arbeit weiter nachgehen. Ich verabschiedete mich, sie umarmte mich zum Abschied. Ihr Gesicht voller Dankbarkeit.

Dann Routinearbeit, dann Frühstück, dann Oberarztvisite und dann wurde ich zur Frau Psychiater zitiert: „Wie können Sie es wagen, sich in meine Behandlung einzumischen?!! Sie haben vollkommen ihre Kompetenzen überschritten! Das wird Konsequenzen haben!“

Es hatte keine Konsequenzen. Doch, eine: Ich hatte eine Lektion gelernt: Manchen Ärzten waren wohl die Machtverhältnisse im Spital wichtiger als das Wohlergehen der Patienten ...

© Georg Weidinger