In der Psychiatrie

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In der Psychiatrie | story.one

Nach meinem Zusammenbruch mit mehrstündiger Bewusstlosigkeit landete ich in der Erstversorgung des Wiener AKH. Nach Ausschluss organischer Störungen gelangte man zur Erstdiagnose „depressive Belastungsreaktion“. Doch davon bekam ich nicht viel mit, da man mir als Ersttherapie ein Stamperl Psychopax-Tropfen verpasst hatte. Ich hatte zwar die Tropfen gleich ausgespuckt, sobald die Schwester das Zimmer verlassen hatte, aber die im Mund verbliebene Menge reichte völlig, um aus mir ein sabberndes Gemüse zu machen.

Nach einzelnen Erinnerungsfetzen wachte ich schließlich in einem Zweibettzimmer auf der psychiatrischen Abteilung auf. „Guten Morgen! Ausgeschlafen? Du warst 24 Stunden weggetreten!“, begrüßte mich Norbert. Seine Diagnose: Depressive Belastungsreaktion. Wohl gerade modern.

„Los geht’s!“, sagte Norbert. Ich folgte ihm zur Schlange vor dem Schwesternzimmer. Als ich an der Reihe war, musste ich mich auf die Wage stellen, danach die Tabletten aus dem Becher vor den Augen des Pflegepersonals runterschlucken. Dank meines medizinischen Grundwissens und im Kopf bereits Gemüse genug versteckte ich die Tabletten unter meiner Zunge und simulierte den Schluckvorgang. Später spuckte ich sie aus.

Dann zum Frühstücksraum, ich Norbert hinterher. Niemand stellte sich vor, alle starrten mehr oder weniger starr vor sich hin und kauten an ihrem Gebäck. Nach dem Frühstück Visite. „Jetzt bleiben Sie einmal hier und erholen sich, nehmen ihre Tabletten. In der Gesprächstherapie finden wir dann mehr heraus!“, so der Herr Professor. Quasi Psycho-Urlaub!

Was folgte war drei mal täglich eine Mahlzeit und sonst ... nichts. Es war Sommerzeit und fast keine Psychotherapeuten im Haus. In meinen zwei Wochen hatte ich genau eine Therapiestunde! Also nutzten wir die Zeit, um herumzustehen, herumzusitzen, die meisten um zu rauchen und zu plaudern. Sehr schnell wurde mir klar, dass die Haupttherapie die Gespräche der Patienten untereinander waren! Und sehr schnell hatte ich meine Rolle gefunden: Ich hörte zu, bestärkte, ermutigte, war da. ICH war die Psychotherapie!

Ich erhielt Besuch von meiner Ex-Freundin, die noch immer böse auf mich war, weil ich sie verlassen hatte. Wenn jemand in Not war, war sie da, auch für mich, fast täglich. So tiefe Gespräche hatten wir in unserer ganzen Beziehung nie gehabt ... Und mein Vater tauchte auf, aus dem Nichts. Jahrelang hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Auch er war da. Einfach da.

Und dann die Freunde, die mich in die Toskana mitnehmen wollten. „Ich glaub für die lange Fahrt bin ich zu erschöpft!“, erklärte ich. „Wir fahren nicht, wir fliegen!“, sagte er. Mit einem Privatjet, was keiner wissen sollte. Dort war ich dann, zwei Wochen lang, und begann mit dem Schreiben. Und das Schreiben ordnete meine Gedanken. Und die Gedanken wurden langsam wieder klarer. Und ich lernte meine Lektion. „Bevor du andere heilen kannst, musst du dich selber heilen!“

Ich verstand und änderte mein Leben ...

© Georg Weidinger 22.12.2019