Im Kaffeehaus in Kairo

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Im Kaffeehaus in Kairo | story.one

Qahwa Fishawy. Immer wenn ich in Kairo bin gehe ich in dieses altehrwürdige Cafe im Herzen des Khan el Kahlili, des größten Basars in ganz Afrika. Vor mir am Boden steht die Shisha, die Wasserpfeife, gurgelnd die Geräusche aus deren Bauch beim Einsaugen des kühlen Rauches.

Kairo hat mit seinen unzähligen Qahwas, den Cafes ruhige Inseln in all seiner Hektik zu verschenken. Es braucht nicht viel: Wasserpfeifen, ein paar Tische und Stühle und schon fliegen die Tagediebe von den Straßen, aus den Geschäften und Büros in die Umlaufbahn des Müßigganges.

Qahwas sind Zentren der Kommunikation, Foren für Gespräche, privaten oder geschäftlichen Inhalts und sind, je nach Bedürfnis der einzelnen Besucher, Kurzurlaubsorte, Therapiezentren, Orte des stillen Beobachtens der anderen Gäste und der Passanten. Nur zwei Meter breit ist die Gasse wo ich von einem Sitzpolster aus das Treiben beobachte.

Den Schuhputzer. Zum wiederholten Male bedrängt er mich und ich verweise einmal mehr kopfschüttelnd auf meine offenen Sandalen. Den Jungen, der die billigsten Zigaretten stückweise verkauft. Den Kuli, der nun schon den vierten riesigen Stoffballen auf seinem Kopf vorbeibalanciert und diesen vor dem Nachbarhaus, das ein Schneider bewohnt, auf den schmutzigen Boden wirft. Und zum vierten Mal vom Schneider, welcher vor seinem Geschäft am Boden sitzt und näht, mit sich überschlagender Stimme beschimpft wird.

Aber auch immer wieder Salama der Souvenirverkäufer, der mir echte Papyri oder Grabbeigaben aus einem Pharaonengrab verkaufen will. Ein paar Tische weiter findet er zwei ältere Ladies aus Old England die ihm die Geschichte abkaufen. Hier in Kairo werden Geschichten verkauft. Voller Stolz erwerben sie das letzte am freien Markt erhältliche Stück aus einem Pharaonengrab. Keine Stunde später, die zwei Damen sind schon weg, bietet er wieder letzte erhältliche Grabbeigaben an.

Unerschütterlich auch Saiid der mir hinter vorgehaltener Hand zum fünften Mal für ein paar lausige Dinar Mumienpulver zum Kauf anbietet. Altägyptisches Viagra, extrahiert aus eingestampften Pharaonen.

Links und rechts der schmalen Gasse sind die Sitzpolster der Cafes, der Händler oder der Handwerker angeordnet und dazwischen gehen, laufen, springen und drängen die Fußgänger. Händler und Käufer, Männer und Frauen, Kinder und Greise sowie Touristen aus allen Ländern und Kontinenten, alle suchen im Gedränge des Khan el Khalili voranzukommen.

Über den engen Gassen hängt eine Duftwolke von besonderer Konsistenz: Der Geruch der vielen zum Verkauf ausgebreiteten Gewürze vermengt sich mit Tee-und Kaffeearomen, dem Duft der Wasserpfeifen, mit Schweiß und Straßenstaub. Dazu trägt der Wind den Smog der Siebzehn-Millionen–Metropole bis in die letzten Winkel des Khans. Dennoch ist dies ein Ort zum Entspannen, der Wirklichkeit eine Stunde zu entfliehen. Flucht vor der irrwitzigen Hektik außerhalb des Khans.

© Georg Zenz