Zu Fuß durch die Wüste, Sahara Südalgerien

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Zu Fuß durch die Wüste, Sahara Südalgerien | story.one

Die Mittagssonne taucht die Dünen in ein grelles Licht und von deren Kämmen hängen feine Staubfahnen im Wind. Seit Tagen schon folgen Alois und ich jener imaginären Linie die der Kompass in die Unendlichkeit der Landschaft zeichnet. 199° Süd.

Im Dünengewirr des Erg Oriental kommen wir nur mühsam voran. Wir sind Treiber und Lasttier zugleich. Jeder trägt einen 31 kg schweren Rucksack, darin auch der gesamte Wasservorrat, 21 Liter pro Person.

Wasser bekommt eine neue Dimension. Das Nicht-grenzenlos-zur-Verfügung-sein müssen wir erst lernen und wir ahnen dass diese Materie das wirkliche Leben ist oder zumindest Grundlage jeglichen Lebens ist.

Bei jedem Schritt zieht eine Welle des Schmerzes von den Schultern über den Rücken hinab in die Oberschenkel und weiter bis zur Achillessehne. Das Gehen wird zur Qual.

Von der Oase El Olgla kommend sind wir am Weg nach Hassi Messaoud, Südalgerien. 200 km Luftlinie durch eines der größten Dünenfelder der Sahara. Zu Fuß, nur zu zweit und ohne Begleitfahrzeuge.

Der Abend bringt jeden Tag Erleichterung. Wir können uns nicht satt sehen am Farbenspiel der Dünen. Diese strahlen eine Erotik aus, die ihresgleichen sucht. Im letzten Licht des Tages erscheint die Farbe des Sandes wie gebräunte Haut, sanft und weich, und du kommst nicht umhin hier liegende Frauenkörper zu sehen. Du siehst in ästhetischer Vollendung hier einen Fuß bis hinauf zu den Schenkeln, dort einen wohlgeformten Rücken oder einen Bauch mit darüber ansetzenden Rippen und sogar Brüste, schön wie die der Aphrodite. Doch stammt dies alles nicht von einem einzelnen Körper, sondern zu Hunderten liegen sie ausgebreitet vor dir, sehnsüchtig wartend, ineinander verschlungen und beflügeln deine Fantasie, bevor die Sonne hinter den Horizont taucht und dem Ganzen ein abruptes Ende bereitet. Am nächsten Morgen suchst du dann vergeblich die Gegend nach diesen Körpern ab, doch das zunehmend grelle Tageslicht lässt nichts als bloße Sandwüste erkennen und erst am späten Nachmittag kommen sie wieder zurück, wobei es oft den Anschein hat, als hätten sie in der Zwischenzeit ihre Lage verändert, sich halb umgedreht oder auch nur ein Bein unter dem anderen herausgezogen.

Der Höhepunkt jedes einzelnen Tages ist aber unbestritten das kleine Feuer aus Tamariskenzweigen das uns nicht nur Wärme in der Kälte der Wüstennacht bietet, sondern auch eine Kraft spendende, wiederbelebende Suppe beschert.

Und dieses Feuer, aus dessen Flammen und Glut so viel Energie auf uns überströmt, lässt all die Schmerzen des Marsches vergessen, sodass nur mehr tiefe Zufriedenheit und Ruhe zurückbleibt. Dazu taucht der Vollmond die weichen Formen der Dünenlandschaft in zartes blaues Licht und am klaren Himmel erscheinen Milliarden von Sternen.

Genau hier und jetzt, und nur in solchen großartigen Momenten, glaubt man dem Kleinen Prinzen zu begegnen, und kein einziger Laut – nicht ein Vogel oder Insekt – stört die große, heilige Stille der Wüste.

© Georg Zenz