Liebe und Europa- generationsübergreifend

Fröhliche Stimmung in einem Weinkeller in Rust im Jahre 1968. Studenten aus Göttingen genießen den letzten Abend ihrer Biologieexkursion. Am Weg zum WC begegnen sich Augenpaare. Anfrage woher sie kommt. Es folgt eine Einladung zum Kennenlernen des Burgenlands. Österreich und Norddeutschland begegnen sich. Am nächsten Tag Rückreise. Am Westbahnhof Verabschiedung mit einer roten Rose. Es folgen ein Briefwechsel und eine Einladung zum Bergurlaub bevor er für ein Jahr als Forschungsassistent in die USA geht.

Sie nimmt die Einladung an. Per Autostopp zeigt er ihr Österreich, so auch die Glockner Hochalpenstraße. Beim Blick auf die Pasterze erinnert sie sich, dass ihre aus Norwegen stammende Großmutter von den bis ins Meer reichenden Gletschern erzählte. Für die Nordländerin aus der Lüneburger Heide (höchste Erhebung 141 m!) sind Bergwanderungen eine Herausforderung. Ausrüstung: rote Sandalen, weiße Shorts. Übernachtung in der Jugendherberge. In Kärnten kommen sie zur – damals noch streng bewachten - slowenischen Grenze. Eine seiner beiden Großmütter kommt aus Marburg.

Beim gemeinsamen Bestimmen von Blumen wächst der Wunsch, sich möglichst bald wiederzusehen. Ihr steht aber noch das Examen in Göttingen bevor, er arbeitet in den USA. Im September 1969 treffen sie sich in Amsterdam und beschließen die gemeinsame Zukunft. Sie stellt ihn ihrer Familie in Tostedt (Nähe Hamburg) vor. Ihre Mutter stammt aus einer heute in Polen liegenden deutschen Stadt, der Vater war Gutsbesitzer in Pommern. 1945 mussten ihre Eltern vor dem russischen Einmarsch flüchten und in Niedersachsen ein neues Leben beginnen. Er ist beeindruckt und erzählt bei der Verlobungsfeier, dass auch seine Familie väterlicherseits aus dem Sudetenland stammt und Heimat sowie alle Besitzungen verloren hat.

1969 kommt sie nach Wien. Jobsuche nicht so einfach, Nostrifizierung des deutschen Lehramts-Examens ist notwendig. Als Protestantin und Ausländerin erhält sie vorerst keine Stelle an einer Schule. Simmering und Semmering werden noch verwechselt; in Wien wird ihr eine „Tüte“ angeboten. An der Kasse im Supermarkt in Tostedt sagt man erstaunt „Sie sind aber nicht von hier“.

Im März 1971 heiraten sie. Eine glückliche Zweisamkeit nun schon mehr als 50 Jahre! Urlaubsaufenthalte von Sizilien bis zu den Vesteralen, von Portugal bis zur weissrussischen Grenze bestärken sie, dass Europa die Menschen in ihrer Vielfalt und Einzigartigkeit verbindet.

Gisela und Gerhard Kratky

© Gerhard Kratky