Du passt eh gut auf? Sowieso!

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Du passt eh gut auf? Sowieso! | story.one

„Ich geh mit Sherpa auf den Großglockner! Kann ich bitte das Auto haben?“ „Sherpa?“

„Der hat mich auf Youtube gesehen, der ist ein super Kletterer und möchte mit mir was machen.“

„Ihr passt aber eh gut auf!“ „Sowieso!“

Sowieso! Auch ich habe bei jeder Art von Sport gut aufgepasst, vor allem beim sogenannten Risikosport.

Am Berg sowieso! Beim Tauchen auch, nur in einer Höhle war plötzlich der Partner weg! Und aus dem Kajak wäre ich im Ernstfall nie herausgekommen.

Es hat aber nie den Ernstfall gegeben, ich lebe noch! Beweis genug, gut aufgepasst zu haben.

Glocknertour am 7. und 8. April 2018: Philipp und Sherpa (ein drahtiger, junger Steirer mit indischen Wurzeln) lernen sich am Samstag mittags am Bahnhof Bischofshofen kennen. Mit dem Auto geht’s nach Kals in Osttirol. In zwei Stunden ist die Stüdlhütte erreicht, sie soll der Ausgangspunkt für die morgige Tour sein.

Die Hütte ist aber voll. Auch den Winterraum kann der Wirt nicht anbieten, der ist besetzt. Dann muss eben im Freien übernachtet werden.

Bei der Jause machen sie Bekanntschaft mit Kletterprofis, die morgen die Erstbegehung einer Eiswand geplant haben, das >Dritte Leben< soll die Tour heißen. Profi Thomas Bubendorfer bietet den beiden Burschen an, bei ihnen im Winterraum zu übernachten, es sei genug Platz. Glück gehabt!

Die Nacht ist saukalt, es beschlagen sich die Fenster innen mit Eis. An wirkliches Schlafen ist nicht zu denken, um 3 Uhr frühmorgens brechen die beiden auf. Durch die Grögerrinne soll es über den Nordwestgrat auf den Glocknergipfel gehen, dann auf der Normalroute hinunter, den Rest ins Tal mit Schi.

Es bläst ein Eiswind mit geschätzten 100 kmh. Sie kommen mit den Steigeisen nur ganz langsam vorwärts. Die Kletterei mit Schiern auf dem Rücken zieht sich, zur Stärkung gibt’s zwischendurch Snickers.

Es ist schon später Nachmittag, sie gehen ohne Pause über den Gipfel das Glocknerleitl hinunter. Jetzt müssen die Schier angelegt werden, bei Philipp lässt sich ein Steigeisen nicht mehr lösen, er schneidet es herunter. Auch die linke Schibindung versagt, sie lässt sich nicht fixieren, er muss im Walk-Modus fahren.

Das schlimmste ist aber durchgehender Bruchharsch und dass Sherpa nicht besonders gut auf Schiern ist. Die Abfahrt dauert 5 Stunden, um 23 Uhr sind die beiden am Parkplatz in Kals. Sherpa legt sich ins Auto und schläft bis Salzburg Hauptbahnhof durch.

Am Montag bekomme ich von Philipp das Auto zurück. Und, habt ihr gut aufgepasst?

"Sowieso, nur einmal nicht. Da sind wir bei einer Abzweigung falsch gefahren, nach Innsbruck statt nach Salzburg!" Na super!

Auf der Inntalautobahn gab es eine kurze Schlafpause, Sherpa wurde in Salzburg in den Zug gesetzt. "Ich bin gleich nach dem Duschen direkt in die Arbeit gefahren."

Thomas Bubendorfer hatte an dem Wochenende auch kein Glück, er hat die geplante Erstbegehung erst mit 14. April 2018 datiert. Der Tourname >Das Dritte Leben< nimmt Bezug auf seine beiden vorangegangen schweren Kletterunfälle.

© Gerhard Maier