Haie und Krokodile

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Haie und Krokodile | story.one

1975 kam Spielbergs >Weißer Hai< in die Kinos, den ich natürlich sehen musste. Die Folge war für mich eine Haiphobie, die sich gewaschen hat.

Seit frühester Kindheit war für mich Wasser ein freundliches Element. Schwimmbäder, Seen, Meer waren mein Element, ich schwamm und tauchte, wann immer es nur ging.

Dann kam der weiße Hai und das Meer war für mich tabu. Es gab den Albtraum, in dem mein kleiner Bruder von einem Steg ins Meer köpfelte, nach ein paar Sekunden war das blaue Meer eine rot wallende Suppe….

Mit dem Segelboot durchpflügten wir wochenlang die Ägäis und die jugoslawischen Küstengebiete. Ich konnte auf offener See nicht ins Wasser springen, meine Schwimmzone beschränkte sich auf 3 Meter ab der Bootsleiter, 5 Meter ab der Strandlinie.

Und das sollte die nächsten 15 Jahre so bleiben, bis ich eines Tages mit Taucherbrille 5 Meter ab dem Ufer in die Korallen geriet. Es war plötzlich so viel geballtes Leben um mich, Fische, Krebse, die Korallen leuchteten in allen Farben. Die Stunden beim Schnorcheln in den Korallen vergingen wie im Flug. Plötzlich fühlte ich mich durch mich selbst eingeengt, das Schnorcheln war zu wenig, was ist weiter draußen, was weiter unten?

Ein Tauchkurs sprengte das selbst auferlegte Limit, die Dämme brachen. Zum Abschluss des Kurses warteten wir ruhig an einer Riffkante, zwei große Riffhaie tauchen aus dem Blau auf, in Kreisen kamen sie immer näher, am Schluss waren sie vielleicht 1 Meter entfernt. Erst als wir auftauchen mussten, schufen sie mehr Distanz zu uns und kehrten ins Blau zurück.

Inzwischen habe ich hunderte Tauchgänge genossen. Das Entdecken von Haien ist wahrlich ein >Highlight<, nur ins Wasser springen und da ist er, das spielt es nicht.

In Meeren, wo die drei für Menschen gefährlichsten Arten (weißer Hai, Tigerhai, Bullenhai) leben, haben wir diese nicht getroffen. Zum Glück oder leider?

Wir haben inzwischen hunderte Haie gesehen. Vor Elphinstone, einem Felsklotz im tiefen Roten Meer sind wir mit 3 Meter langen, ausgewachsenen Weißspitzen-Hochseehaien (Longimanus) getaucht, die bei Matrosen und Schiffbrüchigen einen üblen Ruf haben. Die Tiere waren sehr scheu, wir sehr respektvoll, es war ein erhebendes Erlebnis.

Die Jardines de la Reina weit draußen vor Kuba sind ebenfalls ein Paradies zum Haitauchen. Es gibt dort ganz kleine Sand-Inselchen, die unbewohnbar sind. Diese sind mit Buschwerk bewachsen, in welchen Jutias wohnen. Diese Baumratten sind die Nahrung für Salzwasserkrokodile. Neben Haien kann man bei einem Tauchgang also auch Krokodile treffen, theoretisch! Wir haben Krokodile nur auf den Videos des Tauchcrew gesehen, die uns mental darauf vorbereiten wollte.

Das Meer ist für mich wieder zum freundlichen Element geworden, meine Haiphobie habe ich überwunden. Ich schwimme gerne längere Strecken über offenes Wasser, das kann auch eine Stunde dauern. Angenehm finde ich trotzdem, wenn man mit einer Brille sehen kann, was unter einem los ist.

© Gerhard Maier