Kukident hat keinen Haftgrund

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Kukident hat keinen Haftgrund | story.one

Ich sitze vor Inspektor Kukident*. Er beginnt die Einvernahme mit der Feststellung meiner Daten und liest sie mir vor: Name, Geburtsdatum, Geschlecht, Adresse und Handynummer – stimmt das?

Ich bejahe, wende aber ein: „Aber bei der Handynummer bin ich mir nicht ganz sicher!“ Er: „Egal, das müssen eh wir wissen!“

Kukident fährt fort: „Sie werden hier befragt als Geschädigter. Sie haben dem Museumsverein eine Bronzenadel geliehen. Der Verein hat eine Verlustanzeige gemacht, weil die Nadel verschwunden ist. Schildern sie den Tathergang aus ihrer Sicht!“

Ich habe die >Keltische Kugelkopfnadel< dem Museumsverein als Leihgabe für zwei Wochen überlassen. Es sollten professionelle Fotos für eine Replik angefertigt werden. Nach Ablauf der Frist habe ich die Rückgabe der Nadel gefordert, sie konnte aber nicht mehr gefunden werden. Daraufhin habe ich den Museumsverein aufgefordert, eine Verlustanzeige bei der Polizei zu machen. Das ist alles, darum sitz ich jetzt wohl hier.

„Wie hat die Nadel aus ihrer Sicht ausgesehen? Beschreiben Sie diese! Der Museumsverein kann sich nicht mehr erinnern.“

„Genau so hat die Nadel ausgesehen!“ Ich zeige dem Inspektor das Foto mit Angabe von Gewicht, Ausmaßen und Beschreibung. Das Foto war Bestandteil des Leihvertrages, den mir der Museumsverein unterschrieben hatte.

Der Inspektor ist erstaunt: „Was, so genau haben sie das festgehalten? Und das hat der Museumsverein unterschrieben? Und jetzt kann er sich nicht mehr daran erinnern?“

Kukident: „Haben Sie eine Vermutung, wer die Nadel entwendet haben könnte?

Dazu kann ich bei besten Willen keine Aussage machen, ich war ja nirgends dabei! Das Museum weiß ja selber nicht, wann und wo die Nadel das letzte mal gesehen wurde.

Der Inspektor: „Wie sind Sie überhaupt in den Besitz der Nadel gekommen?“

Ich schildere, dass diese mein Vater vor 50 Jahren bei Bauarbeiten gefunden hatte. Ein Bagger hatte offensichtlich ein Keltengrab erwischt, beim Aufladen der Knochen auf den LKW hat es metallisch geklungen, es war die verdreckte Nadel dabei. Das Keltenmuseum hat das Alter auf ca 500 v Chr. datiert. Dann ist sie Jahrzehnte lang in meiner Glasvitrine gelegen. Jetzt, weil sie verschwunden ist, hat sie meine Mutter mir geschenkt. „Nein, einen Schenkungsvertrag gibt es keinen!“

Kukident: „Welchen Wert hat das Stück? Der Museumsverein meint keinen besonderen!“

Für mich hat die Nadel einen unschätzbaren Wert. Mir geht es nicht um Geld, ich will meine Nadel zurück. (Der Museumsverein hat inzwischen eine Summe zur Sicherstellung an mich übergeben.)

Der Inspektor schildert die weitere Vorgehensweise. Die Nadel läuft jetzt unter Kulturgutfahndung, die Polizei meldet sich wieder, wenn sich etwas tut. Ich dürfe mir aber nicht zu viel erwarten.

„Hier unterschreiben, Sie können gehen!“ Offensichtlich sah Kukident keinen Haftgrund.

*Name frei erfunden, Dialog literarisch überspitzt.

© Gerhard Maier 30.06.2020