Kurzarbeit

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25.3.2020 - Gestern war so ein Tag. Ich sitze alleine im Architekturbüro und achte darauf, dass nichts wirklich schiefläuft. Es funktioniert so recht und schlecht.

Der Zirkus rundherum läuft ja irgendwie. Ich fühle mich wie ein Dompteur, der seine Tiere in der Manege über eine Überwachungskamera beobachtet und über den Lautsprecher Anordnungen hineinschreit: >Simba, nicht die Mecki beissen, nein! Lass das! <

Auf kleinen Baustellen wird gewerkelt, eher alibimäßig, was aber für mich überproportialen Aufwand bedeutet. Unser Hauptprojekt ist eingestellt. Die anfallenden Arbeiten schaffe ich deshalb leicht alleine.

Man ist mit Leertelefonaten beschäftigt. Seit zwei Wochen brauche ich dringend Standard-Angaben über die Höhe eines Hallenkranes. Endlich meldet sich die Kranfirma, leider nur mit einer Alibifrage: „Ist der Stützenabstand 15 Meter wie im Plan, oder ist er 1,2 Millimeter länger, wie ich aus dem Plan herausmesse?“ Und dann noch Fragen zum Bodenbelag, zum Stromanschluss, zur Farbe. Das ist jetzt aber nicht ernst. Ich möchte nur wissen, wie hoch der Kran ist, damit wir weiterplanen können. „Das habe ich mir schon gedacht, aber da muss ich auf den Kollegen verweisen, ich bin nur die Vertretung und weiß auch nicht, wann der wiederkommt!“

Auf den Ämtern sind Journaldienste eingerichtet, es herrscht Notbetrieb, es gibt keine Entscheidungen, keine Baubewilligungen.

Ein Bauherr hatte in den letzten 10 Tagen offensichtlich Zeit. Zur Durchsicht übermittelt er seitenlange Aufstellungen mit Preisvergleichen, eine Mischung von Anbotspreisen, Listenpreisen aus dem Internet, dazu vermutete Preise. Es erinnert an ein Suchbild mit 100 Fehlern.

Zwischendurch immer wieder E-Mails mit der Neuigkeit, dass es Einschränkungen wegen Corona gibt.

Plötzlich trudeln Rechnungen zum Prüfen herein, die seit Monaten verlangt wurden. Allerdings nur die Summen ohne prüfbare Unterlagen, das wäre jetzt zu viel verlangt. „Wir haben jetzt schon was anderes zu tun! Diese Bürokratie mit der Kurzarbeit, poah!“

Und dann noch Anna Maria in der Leitung, ich schalte mich auf stumm, wegen der 2.500 Zeichen:

Archi, was ist jetzt, wann fangen wir mit unserem Pool an?

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Zu den Nachbarn brauch ich wegen der Zustimmung derzeit gar nicht gehen. Das erledige ich dann bei einer Grillerei im Sommer, aber das wird sicher passen.

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Das mit der Baubewilligung ist mir schön langsam Wurst! Was interessiert mich das Bauamt. Wir fangen einfach an, die sollen alle froh sein, wenn noch was passiert.

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Du wirst doch sicher irgendwo eine Firma auftreiben können, du mit deinen Beziehungen. Vielleicht eine die nicht Kurzarbeit macht.

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Ob Kurzarbeit nach dem Kanzler benannt ist? Du immer mit deinen Witzchen? Schau lieber um eine Firma! Ich bin jetzt einmal kurz beim Frisör, privat, weisst eh! Nur kämmen! Wie ich ausschau! Wir rufen uns dann wieder zusammen. Ciao Ciao!

Das ist ein Stimmungsbild, auch so kann innere Einkehr und der Blick in die Zukunft aussehen.

© Gerhard Maier