Fred

Fred, das bin ich. Fred Halberg. Ich brauche wahrscheinlich Ihren Rat in einer etwas delikaten Sache.

Erst kürzlich sagte einer zu mir, alles ist offen, alles noch möglich. Also, was meine Zukunft anbelangt. Denn das sei keine Frage des Alters. Es gäbe keine "letzten Jahre", die vor uns liegen. Für ihn, so meinte jener wohlmeinende Zeitgenosse, seien die letzten Jahre immer die, die hinter uns liegen.

Ich gebe zu, da ist was dran. Das ist zumindest semantisch richtig. Man fragt ja auch: Wo zum Teufel waren Sie denn, die ganzen letzten Jahre? - und nicht: Wo zum Teufel werden Sie die letzten Jahre sein?

Außerdem - wie kann man sich denn über seine letzten Jahre Gedanken machen, wenn man gar nicht weiß, wann die beginnen? Dazu müsste man ja präzise sein letztes Stündlein kennen, davon ausgehend die letzten Jahre nach hinten zählen. Um den Plural zu rechtfertigen, also mindestens deren zwei. Mehr dafür zu reservieren, würde ich nicht empfehlen, man zwackt sich vielleicht zu viel vom ruhig dahin plätschernden Leben ab. Es sei denn, man hätte noch gar nichts erlebt und wollte nun sein ganzes versäumtes Leben nachholen. Da wären zwei Jahre etwas knapp.

Ich weiß nicht recht, - daher meine Bitte um Ihren Rat - kann man auf so einen endgültigen Termin getrost verzichten? Also ohne Plan für die letzten Jahre sein?

Also doch lieber Augen zu und durch? Das geht sich auch nicht ganz aus! Die Hinweise auf die zu erwartende Begrenzung des eigenen Seins verdichten sich. Beispielsweise beim Lesen der Nachruf-Seiten der Bezirksblätter oder der vor der Kirche angeschlagenen Pate-Zettel. "..nach langem, schweren Leiden im 89. Lebensjahr erlöst..."

Ja, fragt man die Leute denn nicht, wann sie genug gelitten haben? Da könnte man ihnen wirklich viel Leid ersparen!

Nie finde ich Nachrufe wie "...hat sich völlig schmerzfrei, Tränen lachend und in der Hoffnung auf Nimmerwiedersehen empfohlen!" Das wär doch mal eine Botschaft! Sowas hätte doch Vorbildwirkung, fände sicher bald Nachahmer. Lassen Sie mich bei dem Gedanken noch ein bisschen verweilen -

Was, glauben Sie, würden die Leute denn lieber bestellen, könnten sie die Art des Abschieds aus dem Hier- und Dasein selbst bestimmen? Natürlich nicht gleich! Sagen wir, ab Einlieferung in eine geriatrische Pflege-Einrichtung:

a) Unbestimmt langes Leiden mit Vergebung der Sünden noch vor dem Heimgang

b) Absehbar langes Leiden, in der Endphase verstärkt durch siegreichen Krebs, gleichfalls inklusive Nachlass sämtlicher noch offener Rechnungen mit dem Schöpfer Ihrer Wahl

c) Eher kurzer, unbedeutender Leidensweg, mit daher ungewisser Vergebung der groben Verstösse gegen den Werte-Katalog Ihrer aktuellen Glaubensrichtung

d) Klar definierter Termin einer Abschieds-Party, zu der Alle kommen, auch die, die Sie sowieso nie ausstehen konnten. Dafür Ramba-Zamba bis der Notarzt nichts mehr für Sie tun kann.

Denken Sie in Ruhe nach. Ich hab es nicht besonders eilig mit dem Ende meiner Kurzgeschichte.

Fred

© Gerhard@Goesebrecht