Bulgarisch-Stunde

In Wien, unweit des Donaustroms, unweit der Anlegestellen der Donauschiffe aus all jenen Ländern, die diese europäische Wasserstraße auf ihrem Weg zum Schwarzen Meer an ihren Ufern sieht, liegt auch der Mexiko-Platz.

Zu Zeiten des "Eisernen Vorhangs", jener mit Stacheldraht, Wachtürmen und militärischer Präsenz gesicherten Ost-West Grenze, war der Mexiko-Platz Schwarzmarkt für viele Köstlichkeiten, die Hüben wie Drüben als Mangelware galten. Die Käufer im Westen bezogen hier Gänseleberpastete, feinsten Kaviar vom Stör, Krim-Sekt, Wodka, ungarische Salami und andere begehrte Spezialitäten.

Im Gegenzug fanden Koffer-Radios, Plattenspieler, Nylon-Strümpfe, Marken-Jeans, Zigaretten, Uhren, elektrisches Küchengerät, eben alles, das im Osten nicht einmal gegen harte Devisen beschafft werden konnte, reichlich Abnehmer. Kein Wunder also - diesem Platz haftete der Nimbus eines kleinen Paradieses an.

Zu der Zeit begab es sich, dass ich nach Bulgarien, in die Stadt Plovdiv reiste. Mein Ziel war eine Landwirtschaftsmesse, damals fast nur von Delegationen Moskau-treuer Staaten besucht. Ich lenkte den Wagen meines Auftraggebers, einen monströsen Chevrolet-Caprice Station Wagon (also einen Kombi), der gut und gern 25 Liter schluckte auf 100 Kilometern.

Benzin gab es nur gegen an der Grenze mit harter Währung bezahlte Tank-Gutscheine. Doch schon der erste Tankwart schüttelte verneinend seinen Kopf, als ich damit zahlen wollte. Meine Entrüstung war groß und wurde heftiger, je öfter er "da, da!" rief und verneinte! Eben wollte ich den Kerl an den Trägern seiner Latzhose fassen, ihn aus derselben schütteln um ihn von meinen Ansprüchen zu überzeugen, da fiel mir das Widersinnige seiner Handlung auf: Er rief verzweifelt "da, da, da" also etwa "ja, ja, ja!" obwohl er den Kopf zum Nein schüttelte. Ich ließ neugierig von ihm ab und er sprang erleichtert zum Zapfhahn, begann mein Schlachtschiff von Auto zu betanken!

Nun wollte ich Bestätigung für meine Beobachtung. Ich fragte ihn, ob er sich nicht ein paar Backpfeifen verdient habe, fasste ihn neuerlich an seinen Hosenträgern und hob bezeichnend meine ausgestreckte, flache Hand. "Ne! Ne, ne.." rief er jetzt, nickte aber bejahend dazu! Da wurde mir ein erstaunliches Phänomen bulgarischer Sprechweise klar, das ich fortan korrekt würdigen wollte.

Mein Lehrmeister, der Tankwart und ich schieden sehr freundschaftlich. Er blickte auf mein Kennzeichen, hob fragend die Augenbrauen. Woher?

"Wien" beschied ich ihm, deutlich artikuliert. "Ahhh, bulgarski:..Viden," strahlte er und nach einer Weile, wie zur Bestätigung mich verstanden zu haben und diesmal kein Missverständnis aufkommen lassen zu wollen, fügte er noch ein verträumt gehauchtes Wort an.

Es klang wie eine Liebeserklärung, ein bisschen blöde vor Glück. Er sagte wirklich, auch klar und deutlich: "...Mexikoplatz..."

Und ich dachte mir: Da, da - was gibt es nicht alles Tolles zu sehen in Wien! Oder Nein?

© Gerhard@Goesebrecht