skip to main content

#angst#bundesheer#soldat

Fallschirmsprung

  • 264
Fallschirmsprung | story.one

Mein Freund bekam zu seinem Geburtstag einen Fallschirmsprung geschenkt. Er fragt mich, ob ich mitkommen möchte bzw. ob ich auch springen würde. Nein - plötzlich sind alte Erinnerungen wieder da, ich sehe die Bilder vor mir als ob es gestern gewesen wäre:

Am 2.3.2010 verunglückte ein Fallschirmjäger des Bundesheeres während einer Ausbildung in Osttirol. Es war ein Rätsel warum - der Mann war erfahren und hatte bereits über 300 Sprünge absolviert. Ich hörte davon im Radio, fand das zwar schlimm, dachte mir aber nicht viel dabei. Dann fuhr ich am Wochenende zu meinen Eltern ins Burgenland. Mein Vater fragte mich plötzlich, ob ich diesen verunglückten Fallschirmspringer gekannt habe und erzählte mir, dass der Soldat aus unserem Nachbarort stammte und in meinem Alter sein müsste. Er gab mir die Zeitung, wo ein Foto von ihm abgedruckt war. Ich wurde blass als ich das Bild sah. Es war ein Jugendfreund von mir, der drei Jahre älter war als ich und in die gleiche berufsbildende Schule ging. Jeden Morgen fuhren wir zusammen mit dem Bus, er stieg als erster ein und reservierte mir die Sitzbank hinter ihm. Ich glaube, er stand damals ein bisschen auf mich, aber ich sah ihn nur als Freund. Beim Fortgehen gab er sich manchmal als mein Freund aus, wenn mir ein anderer Kerl zu lästig wurde. Er passte immer auf mich auf und kam mir manchmal vor wie ein großer Bruder. Ich konnte nicht fassen, dass er tot war.

Das folgende Militärbegräbnis war die schlimmste Trauerfeier, auf der ich jemals war – genau so wie in den amerikanischen Filmen: Eine riesige Menschenmenge war anwesend, hochrangige Militärs, die Militärmusikkapelle, ehemalige Lehrer und Schulkollegen. Der Sarg war von der österreichischen Fahne bedeckt, sein Helm lag obenauf. Am letzten Weg von der Leichenhalle zum Grab wurde der Sarg von seinen Kameraden getragen, der große Zapfenstreich ertönte. Dann wurde die Fahne zusammengefaltet und an seine Mutter übergeben. Als der Sarg ins Grab hinuntergelassen wurde, spielte die Militärmusikkapelle „Ich hatt‘ einen Kameraden…“, was kollektives Heulen am Friedhof auslöste.

Später stellte sich heraus, dass der Fallschirm sich nicht öffnen konnte, weil der Springer sich nicht in die richtige Ausgangsposition begeben hatte. Warum er das nicht gemacht hat, weiß bis heute niemand – es wurde aufgrund seiner Erfahrenheit u.a. auch Selbstmord vermutet.

Und nun will mein Freund einen Tandem-Fallschirmsprung machen. Er ist ziemlich nervös, ich habe ihm die Geschichte des abgestürzten Soldaten nicht erzählt, weil ich nicht will, dass er im Moment des Absprungs an so etwas Negatives denkt. Ich habe furchtbare Angst um ihn, aber ich will ihn nicht davon abhalten zu springen. Meine Angst hat schließlich nichts mit ihm zu tun, und ich will nicht dass er auf diese Erfahrung verzichtet, nur weil ich Bedenken habe. Der Sprung wird allerdings im letzten Moment vom Veranstalter abgesagt und wir atmen beide auf. Anscheinend sollte es nicht sein.

© Gerlinde Bruckner 2020-10-13

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um Gerlinde Bruckner einen Kommentar zu hinterlassen.