Am meisten fehlt mir das Paradies

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Am meisten fehlt mir das Paradies | story.one

Wir fahren mit den Kindern der 2. Klasse Volksschule zum Schuljahresbeginn in ein Hochtal in den Alpen. Kinder in diesem Alter sind oftmals erstaunlich rund. Klar in ihren Wünschen, rasch und einfach an etwas heranzuführen, sie lieben es sich zu konzentrieren, sind neugierig und gemeinschaftsbewusst. Sie sind so wunderbar einfach da. Nur wenig Rahmen muss gesetzt werden, nur kurz eine Aufgabe benannt werden und schon beginnt ein Wuseln und Tun, ein Brummen und Summen, ein Rufen: Schau mal! und Was ist das?

Wir kommen zu einem breiten Bachbett, wo ein Nebenarm einen kleinen Teich bildet. Die Schuhe sind rasch von den Füßen, die Becher in den Händen und schon gibt es die ersten Funde, die rasch zu einem Froschpark in einem Plastiktablett anwachsen in dem sich alle Entwicklungsstadien von der Kaulquappe bis zum fertigen Frosch tummeln.

Zwei Kinder haben sich ein wenig abgesetzt, Stock schnitzend und Steine in den Bach werfend. Und dann ist es auf einmal da: das Paradies. Klares Wasser, grüner Wald, blauer Himmel, Wind und Sonne, Frösche und Eintagsfliegenlarven, Kinder und Erwachsene in wiegendem Miteinander.

Bis knapp vor diesem Augenblick, bin ich innerlich beschäftigt mit organisatorischen Überlegungen. Habe ich jetzt die Lupe am Tisch im Haus vergessen? Wo sollen wir den Platz für die Materialien machen? Hat jemand schon den Kindern den Umgang mit dem Schnitzmesser gezeigt? Soll ich Leona das Blatt mit der Unterscheidung von Eintags- und Steinfliegenlarve geben? Hat Aeneas eigentlich noch ein Wechselgewand, weil seine Hosenröhren schon wieder ins Wasser hängen? All diese innere Geschäftigkeit lässt mich am Rande stehen.

Aber dann fällt langsam alles ab. Ich gehe die Lupe nicht holen. Ich stelle die Schachtel mit dem Werkzeug und den Gefäßen einfach vor mich hin. Ich sehe wie Valentina gerade bei Zoe ist, und ihr zeigt wie man das Messer vom Körper weg bewegt. Leona hat aufgehört Steine auf der Suche nach Larven umzudrehen. Und Aeneas ist so in sich versunken, und grundsätzlich kaum kälteempfindlich, dass ich ihn jetzt nichts fragen werde.

Gleich wie ein Baum im Herbst seine Blätter verliert, fallen alle meine Gedanken und Sorgen ab. Dann stehe ich da, innerlich nackt und doch in aller Kraft und Wachheit präsent. Alles ist genauso, wie es ist. Ich stehe da und schaue und spüre. Alles ist sehr gut. Ein Lachen klingt in meinem Ohr wie eine kleine Glocke. Es ist der letzte Schubser mitten ins Paradies hinein.

© Gernot Candolini 19.04.2020